Zur Erzählforschung errichtete das Ahnenerbe 1937 als eine seiner ersten Abteilungen
die Pflegstätte für Sagen- und Märchenkunde, die spätere Lehr- und
Forschungsstätte Volkserzählung, Märchen- und Sagenkunde.72' Mit ihrer Leitung
wurde zuerst SS-Hauptsturmführer Plaßmann betraut, dem provisorisch Heinrich
Harmjanz und 1938 der pfälzische Sagenforscher Willi Mai folgten. Die Märchenabteilung
wurde um die Jahreswende 1942/43 aufgelöst.* 726 Sie hatte zur Aufgabe,
die vermeintlich aus germanischer Vorzeit tradierten Erzählungen als wichtige
germanische Geistesüberlieferung zu sammeln, mit anderen vorgeschichtlichen,
geschichtlichen und volkskundlichen germanischen Zeugnissen zu vergleichen
und schließlich „den geistigen und seelischen Erlebnisinhalt in Sage und Märchen
als Zeugnis einer überlieferten, arteigenen Weltanschauung dem ganzen Volke zu
vermitteln und seiner geistigen und seelischen Erneuerung dienstbar zu machen“.727
Über den SS-Mann Mai (1912-45), dem Fox im Juli 1938 bei dessen Dissertation
mit Aufnahmen saarländischer Märchen zur Hand ging, kam der Kontakt zur
Märchenkunde des Ahnenerbes zu Stande.728 Wie alle Volkskundler Himmlers
Biddiscombe, Werwolf! The History of the National Socialist Guerrilla Movement, 1944-1946
(Toronto: U of Toronto P, 1998), 13-14.
727 BABL, NS 19/1850, f. 33: [o. Verf.] Das Ahnenerbe [nach 1941].
726 BDC, Fox, f. 51: [Paraphe] We. (Ahnenerbe) an Fox v. 5.5.1942; cf. Gajek, „J. O. Plassmann“,
131 Anm.; Kater, Ahnenerbe, 75, 193; BABL, NS21/57: Si[evers] an SS-Mann Mai v.
4.4.1939. Das Zwischenspiel des Studienrates Dr. Gottfried Henssen als Forschungsstättenleiter
1938 währte nur kurz; BABL, NS21/713: Ahnenerbe-Kurator Walter Wüst an Henssen
(Berlin-Dahlem) v. 3.4.1938. Cf. Anka Oesterle, „John Meier und das SS-Ahnenerbe“, Volkskunde
und Nationalsozialismus: Referate und Diskussionen einer Tagung der Deutschen
Gesellschaft für Volkskunde München, 23. bis 25. Oktober 1986, Hg. Helge Gemdt, unveränd.
Nachdr. 1987, Münchner Beiträge zur Volkskunde, 7 (München: Münchner Vgg. f. Volkskunde,
1989), 83-93.
727 BABL, NS21/713: Plaßmann, „Pflegstätte für Sagen- und Märchenkunde im Deutschen
Ahnenerbe“.
28 BABL, NS21/309: Fox, Empfangsbestätigung v. 22.8.1938. Dr. habil. Friedrich Wilhelm
Mai: * 21.11.1912 Pirmasens; Studium in München, Königsberg, Berlin und Bonn (Deutsch,
Geschichte, Erdkunde, Volkskunde); Promotion Dezember 1938 in Königsberg mit der im Auftrag
des Ahnenerbes verfassten Dissertation „Die pfälzischen Volkssagen und ihre gestaltenden
Kräfte (Sagen aus religiösem Erlebnis)“, Königsberg, Univ., Diss., 1938; 1938 Leiter der
Ahnenerbe-Abt. Märchen- und Sagenkunde; Habilitation im Zweiten Weltkrieg; Okt./Nov.
1939 für das Ahnenerbe beim räuberischen Kommando Paulsen in Warschau und Krakau;
Febr. 1940 - Mai 1941 Mitglied der Kulturkommission Südtirol; Sommer 1940 Forschungsauftrag
in Riga und Reval zur Hinterlassenschaft der umgesiedelten Baltendeutschen; 1942
Leiter der Ahnenerbe-Märchenabteilung; Leiter der Dienststelle Niederlande des GWE;
November 1944 Leibstandarte Adolf Hilter; t in den letzten Kriegstagen in Ungarn; BABL,
NS21/57: SS-Hauptsturmführer K[rau]t (Ahnenerbe) an Breitfeldt v. 30.11.1944; NS21/310:
B26/ml. BDC, Fox, f. 34: Mai an Fox v. 27.2.1939; f. 36: Fox an Mai v. 5.3.1939; f. [44a]:
Fox an Zanthier v. 25.12.1939; f. 51, 53: We. an Fox v. 5.5.1942, v. 6.6.1942; Willi Mai, „Als
die Bolschewisten ins Baltenland kamen“, Germanien (1941), 281-85; Märchen aus Südtirol,
gesammelt v. Willi Mai, Hg. Marianne Direder-Mai, Leander Petzoldt (Bozen: Athesia, 1991),
72-73; Marianne Direder-Mai, „Vorwort“, ibid., 5-6, hier 6; Kater, Ahnenerbe, 160-61, 175,
400, cf. 147-48; E[rnst] Christmann, „[Besprechung] Willi Mai, ,Die pfälzischen Volkssagen
und ihre gestaltenden Kräfte4 (1940)“, Westmärkische Abhandlungen zur Landes- und Volksforschung,
5 (1941/42), 385-86. Anlässlich der jüngsten Veröffentlichung von Mais Südtiroler
Sagensammlung wurde in der deutschen Erzählforschung heftig über deren wissenschaftlichen
Wert und politischen Hintergrund gestritten; Max Silier, „Verirrt im Sagenwald: Überlegungen
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