Märchen vom SS-Ahnenerbe
Auf einem Ahnenerbe-Schaubild zum Germanischen Wissenschaftseinsatz
(GWE) 1940-44 findet sich der Eintrag „Germanisches Märchenbuch, Dr. Fox“.720
Fox’ Stellung auf dem Schaubild ist überaus exponiert. Man glaubt einen zentralen
Repräsentanten des SS-Ahnenerbes vor sich zu haben. Tatsächlich aber führte
er keine große GWE-Abteilung; er war vielmehr der einzige Mitarbeiter am
„Germanischen Märchenbuch“. Wie aber gelangte der Volkskundler aus der saarländischen
Provinz ins Kriegszentrum der SS-Geisteswissenschaften? Am Anfang
dieses Weges stand das Interesse an der deutschen populären Erzählung, das Fox
mit der nationalsozialistischen Volkskunde teilte.
Schon im 19. Jahrhundert galten die von den Gebrüdern Grimm gesammelten
Kinder- und Hausmärchen als uralte germanische Überlieferung; ihre interkulturellen
Anteile wurden verdrängt.721 In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden
die romantischen Ideen vom mythischen Germanenerbe chauvinistisch aufgeladen
und politisch neu definiert. Nach dem Ersten Weltkrieg erhielt das deutsche
Märchen eine geradezu politisch-prophetische Funktion. Zwar war die Anfälligkeit
der deutschen Märchenforschung für nationalsozialistische Ideen nicht zwingend,
was nonkonformistische Erzählforscher wie Will-Erich Peuckert oder Friedrich
Ranke beweisen, aber die meisten deutschen Sagen- und Märchenforscher ließen
sich 1933 wie die Volkskundler allgemein von der „Welle wahrer Deutungswut“
forttragen. In der nationalsozialistischen Volkskunde verband sich die Märchenforschung
mit der ebenso zweifelhaften Symbolforschung und bekräftigte die amtliche
Germanenideologie.722 Märchensymbole wurden im Nationalsozialismus „im wesentlich
nicht gedeutet, sondern auf bestimmte Situationen und Systeme angewendet,72’
Märchengestalten sogar praktisch angewendet: wie der „Werwolf“ als Deckname
für Vertreibungsaktionen oder für faschistische Untergrundkämpfer.724
720 BABL, NS 19/1850, f. 32: Das Ahnenerbe, Abt. GWE: Arbeitseinsatz Juli 1940-Juli 1944;
Abdruck des Schaubildes bei Kater, Ahnenerbe, Tfl. 3.
7“' Ursula Brunold-Bigler, „[Besprechung] Grimms Märchen International (1996)“, Schweizerisches
Archiv für Volkskunde, 94 (1998), 240-41.
722 Elfriede Moser-Rath, „Märcheninterpretation im Dritten Reich“, Enzyklopädie des Märchens:
Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung, Hg. Kurt Ranke (Berlin:
de Gruyter, 1981), 3: 551-53; cf. Bausinger, „Volksideologie“, 192-94. Die NS-Erzählforschung
bedarf laut Wolfgang Brückner, „Hauptströmungen nationalsozialistischer Volkskunde-Arbeit“,
Himmlers Hexenkartothek: Das Interesse des Nationalsozialismus an der Hexenverfolgung, Hg.
Sönke Lorenz [et al.], in Zsarb. mit d. Inst. f. Geschichtl. Landesk. u. Hist. Hilfswiss. d. Univ.
Tübingen, Hexenforschung, 4 (Bielefeld: Verl. f. Regionalgesch., 1999), 19-33, hier 28 noch
eingehender Erforschung.
72 ' Hermann Bausinger, „Aschenputtel: Zum Problem der Märchensymbolik“, Zeitschrift für
Volkskunde, 52 (1955), 144-44, hier 146.
724 Bruno Wasser, „Die ,Germanisierung‘ im Distrikt Lublin als Generalprobe und erste Realisierungsphase
des ,Generalplans Ost1“, Der „Generalplan Ost“: Hauptlinien der nationalsozialistischen
Planungs- und Vernichtungspolitik, Hg. Mechtild Rössler, Sabine Schleiermacher,
Mitarb. Cordula Tollmein, Schriften der Hamburger Stiftung für Sozialgeschichte des
20. Jahrhunderts (Berlin: Akad. Verl., 1993), 271-93, hier 287; Klemperer, ¿77, 25 7; Perry
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