Full text : Volk, Reich und Westgrenze

unter  seiner  Führung  zu  reorganisieren.674  Als  das  Ahnenerbe  der  SS  dem  Amt
Rosenberg  die  nationalsozialistische  Wissenschaftshoheit,  namentlich  über  die  für
das  ideologische  Monopol  wichtige  Disziplin  der  deutschen  Volkskunde,  streitig
machte,  kam  es  zu  erbitterten  Auseinandersetzungen  zwischen  den  Anhängern  der
beiden  faschistischen  Lager.
Der  in  Berlin  tobende  Machtkampf,  bei  dem  sich  die  „schwarze  Volkskunde“  der
SS  und  die  „braune  Volkskunde“  des  Amtes  Rosenberg  nicht  so  sehr  um  sachliche
  Inhalte  als  um  wissenschaftsorganisatorische  Machtpositionen  stritten,* 680  hat
an  der  westmärkischen  Peripherie  keine  größeren  Wellen  geschlagen.  Im  Gegenteil:
  Für  den  Bereich  seines  Gaues  konnte  Christmann  beide  nationalsozialistischen
  Volkskunden  in  seiner  Person  vereinen.  Er  war  zugleich  Mitarbeiter  bei
Himmlers  Ahnenerbe  wie  bei  Rosenbergs  Reichsgemeinschaft.  Als  SS-Märchenforscher
  Willi  Mai  1938  im  Gau  arbeitete  und  von  Christmann  unterstützt  wurde,
entwickelte  sich  eine  fruchtbare  Zusammenarbeit  mit  dem  Ahnenerbe.681  Mai
setzte  Christmann  an  die  Spitze  einer  in  der  Saarpfalz  errichteten  Filiale  der
Ahnenerbe-Abteilung  für  Volkserzählung,  Märchen-  und  Sagenkunde,  für  die
Christmann  weitere  westmärkische  Volkskundler  zu  rekrutieren  suchte.682  1  9  3  9
schickte  Christmann  dem  Ahnenerbe  Abschriften  seines  gesammelten  Materials
an  Volkserzählungen.683  Für  die  von  der  Germanischen  Leitstelle  Niederlande  im
Germanischen  Wissenschaftseinsatz  (GWE)  veröffentlichte  SS-Zeitschrift  Volksche
Wacht  verfasste  Christmann  einen  Artikel  über  sprachliche  Gemeinsamkeiten
zwischen  dem  Gau  Westmark  und  den  Niederlanden.684  Auch  Christmanns  Mitarbeiter
  Bertram  schrieb  für  das  SS-Ahnenerbe.  Seinen  ersten  Artikel,  einen  Bericht
über  die  nationalsozialistische  Mystik  propagierende  Sinnbildschau  des  Gaues
Saarpfalz  in  Kaiserslautern  1939,  mit  dem  Bertram  ähnliche  Veranstaltungen  in
anderen  deutschen  Landschaften  anregen  wollte,685  reichte  der  Schriftleiter  der
SS-Zeitschrift  Germanien,  Plaßmann,  zurück.686  Bertrams  Deutungsversuch  einer

6  4  Hannjost  Lixfeld,  „Adolf  Spaniers  Rolle  als  Wegbereiter  einer  nationalsozialistischen  Volkskundewissenschaft“,
  Beiträge  zur  Wissenschaftsgeschichte  der  Volkskunde  im  19.  und  20.  Jahrhundert,
  Hg.  Kai  Detlev  Sievers,  Studien  zur  Volkskunde  und  Kulturgeschichte  Schleswig-Holsteins,
  26  (Neumünster:  Wachholtz,  1991),  91-119,  hier  93;  cf.  Fahlbusch,  Wissenschaft,  131-32.
680  Hannjost  Lixfeld,  „Rosenbergs  ,braune1  und  Himmlers  ,schwarze1  Volkskunde  im  Kampf
um  die  Vorherrschaft“,  Völkische  Wissenschaft:  Gestalten  und  Tendenzen  der  deutschen  und
österreichischen  Volkskunde  in  der  ersten  Hälfte  des  20.  Jahrhunderts,  Hg.  Wolfgang  Jacobeit,
Hannjost  Lixfeld,  Olaf  Bockhorn,  Zsarb.  James  R.  Dow  (Wien:  Böhlau,  1994),  255-69.
681  HMP,  G/Besprechungsbelege,  Christmann  allg.:  Prof.  Otto  Höfler  an  Christmann  vor  dem
4.1.  1942.
682  BDC,  Ahnenerbe,  f.  145:  Sievers  an  Christmann  v.  15.10.1938,  f.  147:  [Paraphe]  P  an
Christmann  v.  23.5.1939;  cf.  BABL,  NS21/309:  Az.  B26/c2  „Prof.  E.  Christmann“.
683  BDC,  Ahnenerbe,  f.  146-47,  Zitate  f.  147:  P.  an  Christmann  v.  23.5.1939.
684  Christmann,  „Bericht“,  396.
688  BDC-Ahnenerbe,  Bertram,  f.  197:  Bertram  an  Plaßmann  v.  26.5.1939.
686  BDC-Ahnenerbe,  Bertram,  f.  198:  Plaßmann  an  Bertram  v.  21.6.1939;  ADM,  1W240:
[Bertram]  „Sinnbildausstellung  des  Gaues  Saarpfalz11  [o.  D.],  [id.]  ,„Sinnzeichen  als  Ahnenerbe1:
  Sinnbildausstellung  des  Gaues  Saarpfalz“  [o.  D.].

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