Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Fehrle.656  Als  sich  die  Aussichten  auf  die  ordentliche  Professur  zerschlugen,
wollte  Christmann  wenigstens  Vorlesungen  in  Heidelberg  halten,  um  „vor  allem
einmal  über  die  blutsmäßige  Herkunft  und  Zusammensetzung  der  Bevölkerung
der  Westmark  Aufschluß“  zu  geben.657 658  Fehrle  kam  der  Westmark  entgegen  und
schlug  Christmann  für  eine  Volkstums-  und  Heimatkunde-Honorarprofessur  an
der  Philosophischen  Fakultät  vor.65s  Im  Frühjahr  1943  wurde  Christmann  Honorarprofessor
  an  der  Universität  Heidelberg.659  Vom  Sommersemester  1943  bis  zum
Wintersemester  1944/45  las  er  an  der  Lehrstätte  für  deutsche  Volkskunde  über
„Volkssprache  zwischen  Neckar  und  Mosel“,  „Volkskunde  auf  der  Grundlage
bodenständigen  germanischen  Erbgutes“,  „Die  deutsche  Sage“,  „Unsere  Hausund
  Dorfformen“,  „Unsere  Ruf-  und  Familiennamen“,660  „Das  Wasser  in  Glaube
und  Brauch  des  deutschen  Volkes“  und  „Unsere  Flurnamen  als  Quellen  für  die
deutsche  Volkskunde“.  Im  Wintersemester  1944/45  war  der  Mangel  an  Lehrkräften
an  der  Ruperto  Carolina  so  drückend,  dass  die  Philosophische  Fakultät  sogar
Emrich  einen  Lehrauftrag  gab.  Dieser  las  ganz  praxisbezogen  über  „Volkstumsfragen
  im  westdeutschen  Grenzland“  und  „Volkstumsarbeit  als  angewandte  Kulturwissenschaft“,661
  also  über  seine  eigene  politische  Arbeit.  Im  Sommer  1944
schließlich  ließ  Fehrle  Christmann,  Emrich,  Overbeck,  Halber  und  Sprater  in  seinen
Institutsbeirat  aufnehmen,662  ein  deutliches  Zeichen  dafür,  dass  die  früheren  beidseitigen
  Vorbehalte  gegen  eine  Zusammenarbeit  der  westmärkischen  Deutschtumswissenschaftler
  mit  der  akademischen  Lehre  und  Forschung  ausgeräumt  waren.
Antiklerikalismus
Durch  ihr  Untersuchungsobjekt  und  ihre  Disziplingeschichte  war  die  deutsche
Volkskunde  sehr  anfällig  für  nationalistisches  und  völkisches  Gedankengut.  Der
Nationalsozialismus  machte  aus  der  Volkskunde  eine  Nationalwissenschaft,  die

656 HMP,  G/Besprechungsbelege,  Christmann  allg.:  Christmann  an  Prof.  Dr.  Friedrich  Mauer
(Freiburg  [Deutsches  Seminar  der  Universität  Freiburg,  Alte  Abteilung,  angegliedert:  Forschungsstelle
  für  oberrheinische  Mundarten)  v.  2.9.1941;  HMP,  G/Sach  1943-44:  Christmann
an  Prof.  Dr.  Kienast  (Heidelberg)  v.  29.5.1943.
6:17  HMP,  G/Allgemein  1941-42:  Chr[istmann]  an  Fehrle  v.  4.11.1941.
658  HMP,  G/Sach  1943-44:  Christmann  an  Kemmayrv.  7.4.1943.
679 HMP,  G/Besprechungsbelege,  Christmann  allg.:  Christmann  an  Fehrle  v.  4.11.  1941;  cf.
Christmann  an  OB  Kaiserslautern  v.  6.11.1941.
660  HMP,  G/Sach  1943-44:  Christmann  an  [Fehrle]  v.  28.4.1943,  Christmann  an  Kienast  v.  13.
12.1943;  HMP,  G/Schriftverkehr  1944,  LI:  Christmann  an  Halber  v.  30.11.1943;  cf.  UAHd,
Rep  45/2:  Teilnehmerliste  zu  Übung  Christmann.  UAHd:  Ruprecht-Karl-Universität  Heidelberg:
  Personal-  und  Vorlesungs-Verzeichnis:  Sommer-Semester  1943  (Heidelberg:  Winter),  42,
cf.  20;  Ruprecht-Karl-Universität  Heidelberg:  Personal-  und  Vorlesungs-Verzeichnis:  Winter-Semester
  1943/44  (Heidelberg:  Winter),  43;  Ruprecht-Karl-Universität  Heidelberg:  Personalund
  Vorlesungs-Verzeichnis:  Sommer-Semester  1944  (Heidelberg:  Winter),  4L
661  UAHd:  Ruprecht-Karl-Universität  Heidelberg:  Personal-  und  Vorlesungs-Verzeichnis:
Winter-Semester  1944/45  (Heidelberg:  Winter),  42,  cf.  21.
662  UAHd,  B-6613:  Fehrle  an  Schmitthenner  v.  25.7.1944,  von  diesem  am  2.8.1944  bestätigt;
cf.  UAHd,  Rep.  45/1:  [Fehrle]  Vermerk  zur  Beiratssitzung  am  29.7.1944.

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