mangeln? Sie wird sich erweisen.“604 Tatsächlich aber blieben Vornamenerfindungen
im Nationalsozialismus selten. Die faschistische Namenmode war eher
„einheitlich ausgerichtet“.605
Nach dem Zweiten Weltkrieg behauptete Christmann, dass er die Moselle nicht
politisch dem Deutschen Reich angliedern und die Lothringer „nicht zu Deutschen
,bekehren1“, sondern ihnen nur die enge Verwandtschaft von lothringischen
Bräuchen, Volksliedern und populären Traditionen mit den entsprechenden pfälzischen
und saarländischen Kulturäußerungen aufzeigen wollte.606 * Doch in Wirklichkeit
hatte er während der Annexion nichts unversucht gelassen, seine lothringischen
Leser und Hörer davon zu überzeugen, dass sie „deutschen Blutes“ seien
und „mit allen anderen deutschen Brüdern“ zusammenhingen. Christmann betrieb
nach eigener Auskunft „Namenforschung im Dienste der Volkstumsarbeit in
Lothringen“.60 In den Metzer Umschulungskursen machte er seinen lothringischen
Junglehrern ihre völkischen Bindungen ans Deutschtum so anschaulich, dass einige
von ihnen in eine Identitätskrise stürzten. Christmann schilderte selber zwei Fälle.
Der erste lothringische Lehrer spielte, nachdem ihm Christmann beigebracht
hatte, dass er „doch einen deutschen Familiennamen“ habe und auch der Name
seines „Geburtsortes, nämlich Reich, ein deutscher Name“ sei, mit dem Gedanken,
nach „Innerdeutschland“ auszuwandern: „Also bin ich ein Deutscher und glaubte
bisher, ein Franzose zu sein, und habe mich demgemäß benommen.“ Ein zweiter
Lehrer zog mit seiner Familie tatsächlich ins Reich.WIN Mit volkskundlichen
Beispielen konvertierte Christmann seine Hörer zum Deutschtum. Kreisleiter in
Lothringen, oft seine ehemaligen Schüler, baten Christmann, in den ihnen unterstellten
Städten und Dörfern volkskundliche Vorträge zu halten. In klassischer
Verwechslung von Patronymie und Abstammung erklärte Christmann bei solchen
Veranstaltungen, dass nicht nur die Sprachgrenze die Volkszugehörigkeit bestimme,
sondern auch die durch den Familiennamen belegte germanische
Herkunft: „In Metz waren 70 bis 80 Prozent sämtlicher im Einwohnerbuch von
1939 verzeichneter Namen deutsch. Wer aber einen deutschen Familiennamen
604 Christmann, „Deutsche Rufnamen!“, 333. 1943 überarbeitete Christmann seinen Rufnamen-Artikel
für die Deutsche Volkskunde; HMP, G/Sach 1943-44: Christmann an Deutsche Volkskunde
(Berlin-Charlottenburg) v. 15.4.1943, cf. v. 29.4.1943.
605 Kunze, dtv-Atlas Namenskunde, 52-53; Friedhelm Debus, „Soziale Veränderungen und
Sprachwandel: Moden im Gebrauch von Personennamen“, Sprachwandel und Sprachgeschichtsschreibung:
Jahrbuch 1976 des Instituts für deutsche Sprache, Sprache der Gegenwart,
41 (Düsseldorf: Schwan, 1977), 167-204, hier 185-86. Max Gottschalds Einführung in die
Geschichte der deutschen Familiennamenforschung sah keine Notwendigkeit, nach politischen
Bezügen bei der Namengebung in Deutschland zu suchen; Deutsche Namenkunde: Unsere
Familiennamen nach ihrer Entstehung und Bedeutung, Nachw. u. bibliogr. Nachtrag Rudolf
Schützeichel, 4. Auf!., Nachdr. 3. Aufl. 1954 (Berlin: de Gruyter, 1971), 19-25.
606 Diese falsche Deutung übernahm sein Biograph Poller, „Christmann“, 260.
607 HMP, G/Besprechungsbelege, Christmann allg.: Christmann an B. Martin (Mittelstelle
Deutsche Volkssprache) v. 19.12.1941.
60X Christmann an Wolfanger v. 31.7./3.8.1970, 3-4, Zitate 4.
383