Full text : Volk, Reich und Westgrenze

dem  13.  Jahrhundert  von  der  Kirche  verdrängt  worden  sei.  Die  Schuld  an  der
unnatürlichen  „Krankheitserscheinung“,  an  dem  „Absturz  nach  1250“  gab  Christmann
  dem  „alles  Deutsch-Volkstümliche“  missachtenden  Humanismus  und  der
„im  romanischen  Süden  und  durch  Romanen“  geleiteten  ,,intemationale[n]  Kirche“,
die  den  Kalender  mit  Heiligen  okkupiert,  deutsche  Vornamen  unter  Ketzerverdacht
  gestellt  und  ihre  Bettelorden  mit  „Massen-Propaganda“  auf  das  Volk
losgelassen  habe.  Erst  durch  die  völkische  Besinnung  des  frühen  19.  Jahrhunderts
seien  die  deutschen  Vornamen  zurückgekehrt  und  machten  bald  wieder  die
überwiegende  Mehrheit  aus.  Christmann  rechnete  damit,  „daß  die  große  Zeit  des
Nationalsozialismus  [...]  den  Reinigungs-  und  Gesundungsprozeß“  fortsetzen  und
vollenden  würde001:  „Wir  bekunden  in  der  Namenswahl  heute  schon  ,eine  gewisse
Einheitlichkeit  des  Willens4  und  kommen  immer  mehr  zu  einer  Bekundung  eines
einhelligen,  von  seelischen  Kräften  getragenen  Willens4,  nämlich  von  den  seelischen
Kräften  getragen,  die  von  der  Besinnung  auf  unser  Volk,  unsere  Vergangenheit,
unsere  Herkunft  und  unsere  völkische  Eigenart  ausgehen,  den  Kräften  des  Blutes
und  der  Rasse.  Auf  diese  Kräfte  baut  der  Nationalsozialismus  in  allen  Stücken
auf,  diese  Kräfte  bestärkt  und  belebt  er  mit  allen  Mitteln  [.,.]“601 602
In  seinem  Rufnamen-Artikel  offenbart  sich  Christmann  als  eifernder  Nationalsozialist.
  Schlug  er  sein  Bedeutungslexikon  germanischer  Vornamen  auf,  so  las  er
aus  dem  NS-Ideologiekatalog  vor:  Nur  mit  dem  Kampf  habe  sich  der  Germane
einen  Namen  gemacht.  Für  jedes  seiner  Glieder  habe  der  germanische  Stamm
entsprechend  sozialer  und  politischer  Funktion  eigene  Namen  gehabt.  Die  bäuerlichen
  Kinder  hätten  in  ihren  Namen  von  „Stammgut,  Erbgut,  Vatererbe44,  von
Heimat  und  dem  eingefriedeten  Heim  gezeugt  und  der  Adel  habe  den  Führungsanspruch
  seiner  Kinder  durch  die  Namengebung  unterstrichen.  Ähnlichkeiten  von
Christmanns  Auswahl  mit  dem  nationalsozialistischen  Staats-  und  Gesellschaftsaufbau
  waren  nicht  rein  zufällig.  Sogar  die  Rassenlehre  sei  schon  in  der  germanischen
  Namengebung  angelegt  gewesen:  „Wenn  wir  heute  so  sehr  den  Wert  des  im
Blut  enthaltenen  Erbguts  betonen,  dann  knüpfen  wir  nur  an  Gedanken  an,  welche
unsere  germanischen  Vorfahren  schon  dachten.“603  Seine  germanisch-deutsche
Rufnameneloge  beschließend,  träumte  Christmann  vom  Neuentwurf  zeitgemäßer
Namen:  „Wir  sind  und  werden  immer  mehr  auch  von  der  Glut  nationalsozialistischer
  Weltanschauung  einheitlich  ausgerichtet  und  erfüllt.  Hat  sie  in  vier  Jahren
nicht  wahrhaft  Berge  versetzt?  Sollte  ihr  die  Kraft  zu  neuer  Namensschöpfung

601  Emst  Christmann,  „Deutsche  Rufnamen!  Eine  deutsche  Forderung  auf  Grund  einer  Untersuchung
  der  Verhältnisse  im  saarpfälzischen  Raum“,  Saarpfälzische  Abhandlungen  zur  Landesund
  Volksforschung,  2  (1938),  305-33,  Zitate  307,  305,  311,  319-21,  322.
602  Ibid.,  324.
m  Ibid.,  330-31.

382
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.