Full text : Volk, Reich und Westgrenze

zur  Ansiedlung  im  verwüsteten  Seille-Gebiet  ausgestellt  worden  seien.534  Die
Untersuchungen  der  Lehrer  wurden  vom  neuen  Archivvorsteher  Ewig  unterstützt.
Ewig  bat  die  Pariser  Archivgruppe,  in  ihren  Archiven  und  Bibliotheken  nachzuforschen.535
  Er  stellte  fest,  dass  sich  die  französische  Krone  seit  den  1660-er
Jahren  mit  der  Wiederbesiedlung  des  entvölkerten  Landes  befasst  habe.  Doch  den
Umfang  der  picardischen  Einwanderung  konnte  er  nicht  bezeichnen.536
Schließlich  entdeckte  Ewig  das  begehrte  Siedlungsedikt  Ludwigs  XIV.  vom
25.  Juli  1680.  Stolz  übersandte  er  eine  Abschrift  an  die  Gauleitung.537 *  Anfang
1944  arbeitete  er  für  Emrich  eine  Abhandlung  über  „Die  Verschiebung  der  Sprachgrenze
  in  Lothringen  während  des  17.  Jahrhunderts“  aus.53*  Diese  ist  ein  Beweis
dafür,  dass  ein  Historiker  im  Nationalsozialismus  seine  fachliche  Arbeit  nicht
politischen  Vorgaben  beugen  musste.  Im  17.  Jahrhundert  habe  das  Herzogtum
Lothringen  durch  den  Dreißigjährigen  Krieg  und  dessen  Folgen,  so  schätzte  Ewig,
über  die  Hälfte,  wenn  nicht  zwei  Drittel  seiner  Bevölkerung  verloren.  Besonders
stark  verwüstet  sei  der  heftig  umkämpfte  Mittelabschnitt  der  Straße  von  Metz
nach  Straßburg  gewesen.536  Die  Wiederbesiedlung  habe  nach  1661  unter  Ludwig
  XIV.  begonnen  und  um  1  700  ihren  Höhepunkt  erreicht.  In  zwei  Dekreten  von
1680  und  1687  lud  der  König  fremde  Siedler  ein.  Ewig  geschichtswissenschaftliche
Integrität  wandte  sich  gegen  die  landläufige  Meinung,  Ludwig  habe  irgendeine
Form  von  ethnischer  Politik  betrieben:  „Man  hat  die  Vermutung  geäussert,  der
französische  König  habe  vor  allem  eigene  Untertanen  aus  Innerfrankreich  an  die
strategisch  wichtige  Strasse  Metz-Strassburg  verpflanzen  wollen.  Die  Quellen
geben  jedoch  dafür  keinen  Anhalt.  Das  Dekret  Ludwigs  XIV.  von  1680  richtet
sich  ausdrücklich  nicht  nur  an  seine  Untertanen,  sondern  auch  an  die  Ausländer.
Die  Massnahmen  des  Königs  waren  also  in  erster  Linie  von  seinem  Interesse  an
der  Kultivierung  brachliegender  Ländereien  bestimmt.  Andere  Gesichtspunkte
mögen  mitgespielt  haben,  sind  aber  nicht  ausdrücklich  formuliert  worden.“  So
hätten  denn  auch  nicht  nur  Innerfranzosen,  sondern  ebenso  deutschstämmige
Siedler  an  dem  Kultivierungswerk  teilgenommen.540

34  ADM,  1W200,  StB  Metz:  Ewig  an  Wegener  v.  11.2.1944.
535  ADM,  1W203:  B  XVI:  Ewig  an  Archivkommission  des  AA  v.  18.6.1943.
536  ADM,  1W203,  B  XVI:  Ewig,  „Zusammenfassender  Bericht  über  die  Reisen  das  Staatsarchivassessors
  Dr.  Ewig  nach  Frankreich  in  den  Monaten  Juli  bis  September  1943“  v.  21.9.
1943,  3-5.
53  ADM,  1W190,  Mappe  „Wissenschaftliche  Arbeiten  des  Archivpersonals“:  [Ewig  an  Emrich]
  v.  6.12.1943.
53x  ADM,  1W190,  Sprachgrenze:  Ewig  an  [Emrich]  v.  23.2.1944,  Ewig,  „Die  Verschiebung  der
Sprachgrenze  in  Lothringen  während  des  17.  Jahrhunderts“  v.  23.2.1944;  cf.  Ewig,  „Die  Verschiebung
  der  Sprachgrenze  in  Lothringen  während  des  17.  Jahrhunderts“  v.  2.2.1944.
3)  ADM,  1W190,  Sprachgrenze:  Ewig,  Verschiebung  v.  23.2.1944,  2.
40  Ibid.,  4  ;  cf.  Alfred  Louis,  „Repeuplement  du  Pays  de  la  Nied  après  la  Guerre  de  Trente
Ans“,  Cahiers  des  Pays  de  la  Nied  (1998),  n°  30,  30-34.

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