Sprachgrenze in Lothringen
Die romanisch-germanische Sprachgrenze in Lothringen war das Mittelalter hindurch
mit wenigen Ausnahmen stabil geblieben. Erst die Verwüstungen des Dreißigjährigen
Krieges drängten sie weiter nordostwärts zurück, besonders im Gebiet
zwischen Morhange, Chäteau-Salins und Sarrebourg.52* Für diesen historischen
Vorgang interessierte sich die Gauleitung Westmark. Schon bei der Gründung des
Lothringischen Instituts 1940 hatte sie die Sprachgrenzforschung vorgesehen.''11'
Ludwig XTV. wurde verdächtigt, durch die Ansiedlung von Romanen das
Deutschtum an der Sprachgrenze bewusst völkisch unterminiert zu haben.
Bürckels politisches Ziel dabei war, seine Germanisierungspolitik historisch
rechtfertigen zu können, gegenüber den Lothringern und ebenfalls gegenüber der
SS und dem Reichsinnenministerium, die ihn beschuldigten, Zehntausende
Französisch sprechende Volksdeutsche vertrieben und damit die deutsche Volkskraft
geschwächt zu haben. Diesen Anschuldigungen wollte er eine rassistische
Legitimation entgegenhalten.''30
Anfang 1942 bat der Gaukulturwart um Material für „eine Arbeit über den
Sprachenkampf in der deutschen Westmark“.2 531 Emrich leitete die Anfrage an die
Metzer wissenschaftlichen Einrichtungen weiter. Im Mai wurde Archivdirektor
Ruppel in die Präfektur bestellt, wo er den Leiter der DVG-Abteilung Aufklärung
und Propaganda Bilger über die „Ausweisungen in Metz und Diedenhofen“ im
16. Jahrhundert unterrichten musste.532 533 Mitte 1943 beauftragte der Gauleiter die
lothringische Lehrerschaft mit Forschungen zur „Verschiebung der Sprachgrenze
zu ungunsten des Deutschtums“.53' Die Lehrer suchten im Staatsarchiv Metz nach
Abgabenfreiheitsbriefen, die Ende des 17. Jahrhunderts Picarden und Auvergnaten
S2S Wolfgang Haubrichs, „Germanophone Dialekte in Lothringen“, Probleme von Grenzregionen:
Das Beispiel Saar-Lor-Lux-Raum: Beiträge zum Forschungsschwerpunkt der Philosophischen
Fakultät der Universität des Saarlandes, Hg. Wolfgang Brücher, Peter Robert Franke
(Saarbrücken: Phil. Fak., 1987), 99-121, hier 111. Haubrichs, „Über die allmähliche Verfertigung“,
113-29; Frauke Stein, „Frühmittelalterliche Bevölkerungsverhältnisse im Saar-Mosel-Raum:
Voraussetzungen der Ausbildung der deutsch-französischen Sprachgrenze?“ Grenzen
und Grenzregionen / Frontières et régions frontalières / Borders and Border Regions, Hg.
Wolfgang Haubrichs, Reinhard Schneider, Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische
Landesgeschichte und Volksforschung, 22 (Saarbrücken: SDV, 1993), 69-98, hier 87.
529 ADM, 1W208: [Ramsauer] Denkschrift [Herbst 1940].
530 Wolfanger, „Nationalsozialistische Politik“, 160-69; U. Mai, „Volkstumspolitik in Lothringen“,
139; Jäckel, Frankreich, 317-18; Peter Heil, „Nationalsozialistische Volkstumspolitik in
Lothringen, dem Saarland und der Pfalz 1940-1944“, Grenzenlos: Lebenswelten in der deutschfranzösischen
Region an Saar und Mosel seit 1840: Katalog zur Ausstellung, Hg. Historisches
Museum Saar [Lieselotte Kugler] ([Saarbrücken] Hist. Museum, 1998), 134-55, hier 138;
I. Heinemann, Rasse, 311-13.
531 HMP, G/Besprechungsbelege, Christmann allg.: Emrich an Christmann v. 9.1.1942; cf.
HMP, G/Besprechungsbelege, LI: Christmann an Halber v. 19.2.1942.
532 ADM, 1W200, Gutenberg Mus.: Ruppel an Ewig v. 26.5.1944.
533 ADM, 1W200, Gutenberg Mus.: Ewig an Ruppel v. 21.6.1943; cf. BABL, RI46/49, f. 130r:
[Zipfel] Besprechungen mit Ewig in Metz am 31.8./1.9.1943.
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