Full text: Volk, Reich und Westgrenze

Auf Vermittlung Ramsauers brachte Dr. Friedrich Schilling 1940 den Artikel 
„Volkstum, Volksgrenze und Kulturkreis“ in den Westmärkischen Abhandlungen 
unter, in dem er die Befunde Steinbachs als der Rassentheorie widersprechend ab¬ 
lehnte. Damit entsprach er der schon früher von Emrich geäußerten Kritik an 
Steinbach.M8 Schilling machte Steinbach zum Vorwurf, dass er in seinen kultur¬ 
geschichtlichen Untersuchungen „die grundsätzliche geschichtliche Gewichtigkeit 
der rassenkundlichen Fragestellung überhaupt, wenn nicht aufgehoben, so doch 
als Forschungsaufgabe zurückgestellt“ habe.''19 Die „Abschaltung der von ihm 
anderwärts begrifflich umschriebenen rassisch-erbbiologischen Tatbestände“ 
lägen in Steinbachs „Blickrichtung begründet“, in welcher „der Begriff des Volks¬ 
tums [...] den Zusammenhang mit der politischen Volkslehre“ verliere.'20 Nach 
Steinbachs Kulturkreistheorie seien die fränkischen Germanen, die die nordfran¬ 
zösischen Räume in Besitz genommen hätten, anschließend massenhaft romani- 
siert worden. Schillings größtes Missfallen rief die für die nationalsozialistische 
Rassenidee unannehmbare Folgerung hervor, „daß ein unabhängig von der Volks¬ 
kraft [...] wirksames Kulturgefälle den Rückschlag des fränkischen Volkstums“ 
bewirkt habe: „Steinbachs Deutung der deutschen Volksgrenze im Westen läuft 
auf die These hinaus, daß ,die kulturelle Überlegenheit des Westens4, d. h. ,der 
Bannkreis der überlegenen romanischen Kultur des Westens4 das die Entwicklung 
entscheidende und somit auch für ihre Erklärung hinreichende Agens der grenz¬ 
geschichtlichen Wandlung gewesen sei.“ Schilling hielt mit der biologistischen 
Geschichtslehre dagegen. Die mittelalterliche Sprachgrenze entspreche in groben 
Zügen der germanischen Siedlungsgrenze nach der Völkerwanderung. Das Fran¬ 
kenreich habe in seinem westlichen Teil die germanische sprachliche Prägung nur 
verloren, weil sein universalistischer Vielvölkerstaat der romanischen Kultur 
rassisch nichts entgegenzusetzen gehabt habe.* 521 Solche Kritik kam ungeachtet der 
persönlichen Auseinandersetzungen zwischen Steinbach und Bürckel dem Gau 
gelegen, da sie die Forderungen der Westmark stützte, in ihrer kulturellen Front 
gegen den Westen alle Hilfe des Reiches zu beanspruchen, und darüber hinaus die 
Vertreibungen Französisch sprechender Lothringer legitimierte. 
In seiner Kritik berief sich Schilling auf das Mitglied der NOFG Dr. Hans Witte. 
Der dem Alldeutschen Verband nahe stehende Witte (1867-1945), ehemals Wissen¬ 
Dauer germanischer Siedlungsinseln im romanischen Lothringen und Südbelgien“, Verborum 
amor: Studien zur Geschichte und Kunst der deutschen Sprache: Festschrift für Stefan 
Sonderegger zum 65. Geburtstag, Hg. Harald Burger, Alois M. Haas, Peter von Matt (Berlin: 
de Gruyter, 1992), 633-66, hier 640-43 nannte vor allem die linguistische Kritik von Emst 
Gamillscheg. 
5IX HMP, G/Allgemein 1941-42: Zi[nt] an Emrich v. 8.3.1941. 
519 Fr. Schilling, „Volkstum, Volksgrenze und ,Kulturkreis1: Rückblicke und grundbegriffliche 
Fragen zur westdeutschen Volksgrenzforschung und zu Petris Deutung des Schicksals der 
fränkischen Landnahme in Frankreich“, 132. Schillings Untertitel ist missverständlich, denn er 
befasste sich fast ausschließlich mit Steinbach. 
520 Ibid., 134, 135. 
521 Ibid., 137-38. 
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