Full text: Volk, Reich und Westgrenze

waren.513 Nur ein einziger Raum des ganzen Lagers blieb unversehrt, was 3000 
wertvolle Werke aus der Stadtbibliothek rettete.514 * Der Schaden ist dennoch un¬ 
schätzbar: Die Stadtbibliothek verlor 726 ihrer 1475 Handschriften, 372 von 782 
Inkunabeln und etwa 3000 kostbare Bücher, die Westraumbibliothek 10 Hand¬ 
schriften, 25 Inkunabeln und etwa 1000 Bücher.'" 
Germania und Romania 
Wo verlief in der Geschichte die romanisch-germanische Sprachgrenze? Da man 
hoffte, von ihrer Beantwortung nationale historische Rechte ableiten zu können, 
trieb diese Frage seit dem 19. Jahrhundert Generationen von Historikern und Lin¬ 
guisten um. Steinbachs Habilitationsschrift Studien zur westdeutschen Stammes¬ 
und Volksgeschichte wendete die in der binnendeutschen Kulturraumforschung 
entwickelte Theorie von der dialektographischen Dynamik auf die Sprachgrenze 
zwischen Germano- und Frankophonie an. An Flur- und Ortsnamenaufnahmen, 
gestützt durch Gräberfunde der Archäologie in Belgien und Nordfrankreich, 
stellte er die These auf, dass sich „germanische Siedler in größerer Zahl“ weit 
über die mittelalterliche Sprachgrenze hinaus im Inneren Frankreichs niederge¬ 
lassen hätten. Die existierende Sprachgrenze bezeichnete er in militärischer 
Diktion als „eine Rückzugslinie des in der Völkerwanderung weit nach Westen 
getragenen germanischen Volkstums“.516 Seine Idee wurde von der deutschen West¬ 
forschung begrüßt. Über die Schwächen in Steinbachs Argumentation gingen die 
meisten Kollegen hinweg.517 
513 BABL, R21/10612, f. 65: Wegener, Bericht an das RMWEuV über die Verbrennung der 
sichergestellten Handschriften und Bücher aus der StB Metz und der WRB v. 22.9.1944. 
Colnat, Guide, 46. 
14 BABL, R21/10612, f. 64: Wegener (WRB-Ausweichstelle Speyer) an OB von Metz 
(Bad Dürkheim) v. 27.9.1944; cf. f. 63r: Wegener an Kummer v. 27.9.1944. Ribeyre, „Biblio¬ 
thèque“, 74 spekulierte, dass einige Bücher aus den Kasematten möglicherweise von Privat¬ 
leuten geraubt worden seien. 
15 BABL, R21/10612, f. 69: [Wegener] Bericht [ca. 29.12.1944]; cf. f. 68r: Wegener an 
Kummer v. 29.12.1944; f. 70-85: Wegener, „Aufstellung der im Fort Manstein verbrannten 
Handschriften der Stadtbibliothek Metz“. 
516 Steinbach, Studien, 177-78; cf. Franz Steinbach, „Die Entstehung der Volksgrenze und der 
Staatsgrenze zwischen Deutschland und Frankreich: Haben völkische Gegensätze das Aus¬ 
einanderbrechen des karolingischen Staates verursacht oder beeinflußt?“ Collectanea Franz 
Steinbach: Aufsätze und Abhandlungen zur Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, 
geschichtlichen Landeskunde und Kulturraumforschung, Hg. Franz Petri, Georg Droege, Ver¬ 
öffentlichungen des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande an der Universität 
Bonn (Bonn: Röhrscheid, 1967), 204-12, hier 206 (Orig. v. 1934); Franz Steinbach, Franz 
Petri, Zur Grundlegung der europäischen Einheit durch die Franken, Deutsche Schriften zur 
Landes- und Volksforschung, 1 (Leipzig: Hirzel, 1939); Wolfgang Haubrichs, „Über die all¬ 
mähliche Verfertigung von Sprachgrenzen: Das Beispiel der Kontaktzonen von Germania und 
Romania“, Grenzen und Grenzregionen / Frontières et régions frontalières / Borders and 
Border Régions, Hg. id., Reinhard Schneider, Veröffentlichungen der Kommission für Saar¬ 
ländische Landesgeschichte und Volksforschung, 22 (Saarbrücken: SDV, 1993), 99-129, hier 99. 
517 Schöttler, „Historische ,Westforschung1“, 216; id., „Von der rheinischen Landesge¬ 
schichte“, 95-104; Wolfgang Haubrichs, „Germania submersa: Zu Fragen der Quantität und 
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