Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Westmark  so  deutsch  wie  irgend  möglich  machen  und  alle  französischen  Reminiszenzen
  unterdrücken“  wollte,  konnte  er  keine  „Metzer  Stadtbibliothek  mit  95%
oder  eine  lothringische  Landesbibliothek  mit  80%  französischer  Literatur“  tolerieren.492
  Vorübergehend  war  nicht  mehr  die  Vereinigung  der  sichergestellten
Bestände  mit  der  Stadtbibliothek  das  Ziel,  sondern  deren  Unabhängigkeit  als
„Westeuropäische^..]  Bibliothek“,  als  „selbständige  Reichsbibliothek  mit  der
Sonderaufgabe  des  Sammelns  französischer  Literatur“.  Die  vorhandenen  Lücken
sollten  ergänzt  und  „das  Schrifttum  des  französischen  Sprachgebietes  und  die
Literatur  über  Frankreich,  vor  allem  über  das  deutsch-französische  Verhältnis“
systematisch  gesammelt  werden.  Wegener  wollte,  dass  in  der  Westraumbibliothek
Metz,  wie  sie  seit  dem  Frühjahr  1943  hieß,493  „alle  Bücher,  Zeitschriften  und
Zeitungen  von  Belang  aus  Frankreich,  der  Westschweiz  und  Belgien  für  die  deutsche
  Wissenschaft,  Presse  und  Wirtschaft  verfügbar  sein“  sollten.  Gedeckt  würden
die  Ankäufe  durch  den  Verkauf  der  auf  einen  Wert  von  200  000  Reichsmark
geschätzten  Dubletten.  Die  Westraumbibliothek,  die  „in  einem  künftig  geeinten
Europa  mit  wachsender  deutsch-französischer  Zusammenarbeit  auf  kulturellem
und  wirtschaftlichem  Gebiet“  an  Bedeutung  gewinnen  würde,  müsse  in  Metz
errichtet  werden,  weil  man  in  Westdeutschland  Frankreich  gegenüber  am  aufgeschlossensten
  sei,  die  Bibliotheksleitung  nur  „in  ständiger  persönlicher  Verbindung
  mit  dem  französischen  Geistesleben,  französischer  Presse  und  Wirtschaft
und  nicht  zuletzt  dem  französischen  Buchhandel“  ihre  Aufgabe  erfüllen  könne
und  die  beschlagnahmten  Bücher  „alter  lothringischer  Besitz“  seien.494  Zur  kulturellen
  Grenzsicherung  und  zur  „Eindeutschung  des  Landes“  brauche  Metz  eine
ausschließlich  beruflich  und  wissenschaftlich  genutzte  Bibliothek.495  Der  Stadtbibliothek
  wies  Wegener  die  normalen  Aufgaben  einer  städtischen  wissenschaftlichen
  Bibliothek  zu,  die  gleichzeitig  eine  Landesbibliothek  vertrete  und  mit  ihren
105  000  Bänden,  Handschriften  und  Inkunabeln  den  landeskundlichen  Bedarf  des
Lothringischen  Instituts  und  des  Landesdenkmalamtes  decke.
Mitte  1943  jedoch  veränderte  Wegener  seinen  ursprünglichen  Plan,  die  Lotharingia
  der  Westraumbibliothek  gegen  die  französischen  Werke  und  Zeitschriften
der  Stadtbibliothek  auszutauschen,496 *  und  strebte  den  Anschluss  der  Metzer  Stadtbibliothek
  an  seine  Westraumbibliothek  an.  So  wollte  er  zwei  Fliegen  mit  einer
Klappe  schlagen:  die  wertvollen  Handschriften  der  Stadtbibliothek  erlangen  und

492  BABL,  R21/10612,  f.  8r:  Wegener  an  Kummer  v.  20.10.1942.
493  BABL,  R21/10612,  f.  37-39:  RStH/CdZ,  „Lothr.  Einzelplan  V:  Kapitel  13:  Haushalt  für
Lothringen  für  das  Rechnungsjahr  1943:  Bibliothek  für  Westeuropa“.
494  BABL,  R21/10612,  f.  9-10:  [Wegener]  Verwendung  [ca.  20.10.1942],  Zitate  f.  9r,  10.
495  BABL,  R21/10612,  f.  14:  Wegener,  Vorschläge  zur  Ordnung  des  Bibliothekswesens  in  Metz
[ca.  5.2.1943];  cf.  f.  13r:  Wegener  an  Kummer  v.  5.2.1943.
496  BABL,  R21/10612,  f.  16-18:  Wegener,  Bibliothekswesen  in  Metz  [ca.  5.2.1943],  Zitat  f.  16;
cf.  Robert  Oberhäuser,  „Schätze,  die  niemand  kennt:  Ein  Blick  in  die  Metzer  Stadtbibliothek  -
Mehr  Bücher  als  Einwohner“,  NSZ  Westmark  (10.3.1943).

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