Full text : Volk, Reich und Westgrenze

vertriebener  Personen  „beschlagnahmten  Buchbestände“  betraut.472  Diese  umfassten
nicht  nur  politisch  diskreditierte  Werke,  sondern  komplette  Bibliotheksausstattungen.
Bis  zum  Frühjahr  1942  war  die  gewaltige  Zahl  von  800  000  Bänden  aus  „reichsfeindlichem
  Vermögen  sichergestellt“.47'  Nicht  alle  Bucheigentümer  ließen  sich
ohne  Gegenwehr  bestehlen:  Im  März  1944  machte  der  Bischöfliche  Stuhl  von
Metz  beim  CdZ  sein  Besitzrecht  an  den  60  000  beschlagnahmten  Bänden  des
Priesterseminars  geltend.474
Da  durch  die  administrative  Trennung  vom  Eisass  Lothringen  nicht  wie  vor  1918
unter  der  Zuständigkeit  der  Straßburger  Landesbibliothek  stand,4  "  wollte  Reker
die  Stadtbibliothek  Metz  zu  einer  Lothringischen  Landesbibliothek  ausbauen  und
ihr  das  Recht  verleihen  lassen,  Pflichtexemplare  aller  lokalen  Veröffentlichungen
einzufordern.  Die  Stadtbibliothek  wollte  alle  beschlagnahmten  Werke  sichten,  mit
den  Büchern,  die  „für  die  lothringische  Landes[-]  und  Volkstumsforschung  von
grosser  Wichtigkeit“  seien,476  ihre  Bestände  und  die  anderer  städtischer  Institute
ergänzen  und  wichtige  französische  Werke  anschaffen.  Reker  plante  eine  Frankreichbibliothek,
  die  in  der  „Tradition  der  deutschen  Grenzlandsbibliotheken“  die
Literatur  des  benachbarten  Volkes  sammeln  und  sich  mit  dessen  Kultur  auseinander
setzen  solle.  Die  Frankreichbestände  aber  durften  nur  einem  erlesenen  Benutzerkreis,
  auf  keinen  Fall  der  breiten  Öffentlichkeit  zugänglich  gemacht  werden.477
Reker  starb  Mitte  Dezember  1941  „buchstäblich  in  den  S[ei]len“,  wie  es  Emrich
in  dem  im  Nationalsozialismus  so  beliebten  Boxerjargon  ausdrückte.47*  Die  personelle
Neubesetzung  der  Stelle  wollte  Emrich  mit  der  „Endlösung  der  wissenschaftlichen

~  AMMetz,  2Z8c:  Reker  an  Emrich  (CdZ)  v.  5.12.1940;  2Z9u/9.2.1943:  Wegener,  „Beitrag
zur  Chronik  der  Bibliothek“  [ca.  Febr.  1944];  cf.  Wegener  an  Schrod  v.  3.2.1944;  BABL,
R21/10612,  f.  3:  Wegener,  „Der  Charakter  der  Bibliothek“  v.  Mai  1942.
4  '  BABL,  R21/10612,  f.  2:  Wegener,  „Bestände“  v.  Mai  1942.  November  1940  150  000  Bände,
drei  Monate  darauf  235  000;  BABL,  R21/10599,  f.  15r:  Emrich  an  Reker  v.  14.2.1941;  f.  23:
[RMVP]  Aufzeichnung  betr.:  Beschlagnahmtes  französisches  Schrifttum  in  Lothringen.  Im  Einzelnen
  wurden  der  Académie  nationale  de  Metz  20  000,  der  Société  d’Histoire  naturelle  de  la
Moselle  20  000,  dem  Rathaus  und  der  Bodenamtsbibliothek  2500,  den  Bibliotheken  der  Jesuiten
10  000,  der  Franziskaner  20  000,  des  Priesterseminars  60  000,  des  Ordinariats  Metz  2500,  den
Schlossbibliotheken  von  Ladonchamps  2500,  Hais  1000,  Lue  3000,  Pange  (Spangen)  2500,
Montigny  2000,  Volkrange  3000  und  Germannsburg  500,  der  Buchhandlung  Bibliothek  von
Mutelet  60  000,  anderen  Buchhandlungen  6000  und  Privatpersonen  20  000  Bände  geraubt.  Ende
1943  wurden  die  10  000  sehr  wertvollen  Bände  aus  der  Privatbibliothek  von  Schuman  entwendet;
BABL,  R21/10611,  f.  16r:  Kummer,  Dienstreise  nach  Metz  12.-17.1.1944  v.  2.2.1944.  Im  März
1944  gehörten  der  WRB  820  000  Bände  und  dabei  war  „der  Zugang  beschlagnahmter  Literatur
noch  nicht  abgeschlossen“;  BABL,  R21/10611,  f.  2T:  Barth  an  RFM  v.  21.3.1944,  Abdruck  an
RMWEuV.  Cf.  ADM,  1W200,  StB  Metz:  Ewig  an  Wegener  (Bibliothek  für  Westeuropa)  v.
10.8.1943, Ewig  an  Bürgermeister  in  Montingen  am  Berg  v.  10.8.1943;  Ribeyre,  „Bibliothèque“,  68.
474  BABL,  R21/10611,  f.  22:  Wegener  an  Kummer  v.  22.3.1944.
475  AMMetz,  2Z8c:  Reker  durch  den  CdZ  an  Kummer  (RMWEuV)  v.  5.12.1940.
476  AMMetz,  2Z8c:  Reker  an  Emrich  (CdZ)  v.  5.12.1940.
477  AMMetz,  2Z8c:  Reker,  „Wissenschaftliche  Stadtbibliothek  Metz“  v.  11.11.1940,  2-3.
47x  BABL,  R21/10599,  f.  35r:  Emrich  an  Kummer  v.  30.12.1941;  cf.  Victor  Klemperer,  LTI:
Notizbuch  eines  Philologen,  5.  Aufl.  (Leipzig:  Reclam,  1978),  244-49,  272.

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