Full text : Volk, Reich und Westgrenze

(1880-1968)  und  Autonomistenanwalt  Charles  Thomas  (1895-1959),  „die  alle
schon  während  der  französischen  Zeit  im  heimatrechtlichen  Sinn  sich  heimatgeschichtlich
  betätigt“  hätten.  Hiegel,  Bouton  und  Thomas  begrüßten  die  Gründung
des  Lothringischen  Instituts  und  boten  Halber  ihre  Mitarbeit  an.35x  Halber  erachtete
Thomas  allerdings  nicht  als  Wissenschaftler,  er  sah  in  ihm  eher  den  Organisator
und  „Mann  der  Repräsentation“.3^  Bouton,  der  Direktor  der  Mädchen-Oberschule
in  Saargemünd,  war  lothringischer  Volkskundler  und  hatte  u.  a.  zu  Pincks  Volkskundezeitschrift
  beigetragen;  ihn  wollte  Halber  für  die  volkskundliche  Zeitschrift
des  Lothringischen  Instituts  heranziehen.  '611
Von  Hiegel  kam  die  Anregung,  das  kulturelle  Leben  in  Lothringen  nicht  auf  Metz
zu  beschränken,  sondern  auf  das  Land  auszudehnen,  womit  er  vielleicht  die  Verantwortlichkeit
  des  Lothringischen  Instituts  für  sämtliche  Heimatforschung  in  der
annektierten  Moselle  unterwandern  wollte.  Er  versprach,  in  der  Saargemünder
Gegend  Mitarbeiter  für  das  Lothringische  Institut  zu  werben  und  nannte  gleich  fünf
seiner  früheren  Schüler,  die  in  Heidelberg  Geschichte  und  Geographie  studierten
und  mit  der  Bearbeitung  lothringischer  Themen  betraut  werden  sollten.* 361  Ferner
gab  er  die  Namen  lothringischer  Lokalforscher  an,  fast  überwiegend  seine  Kollegen
aus  dem  Verein  für  lothringische  Volkskunde,362  die  er,  um  den  Einfluss  der
autochthonen  Lothringer  zu  vergrößern,  bei  der  deutschen  Zivilverwaltung  einführen
  wollte.  Auf  Hiegel  setzte  Halber  die  meisten  Hoffnungen:  „Herr  Hiegel  ist  ein
vorzüglicher  Kenner  der  lothringischen  Landesgeschichte,  der  nur  einer  näheren
Vertrautheit  mit  den  Gesichtspunkten  der  neueren  deutschen  Forschung,  d.  h.  einer
stärkeren  Ausrichtung  seiner  territorial  begrenzten  Studien  auf  eine  gesamtdeutsche
Fragestellung  bedarf,  um  in  ihm  einen  wertvollen  Mitarbeiter  zu  erhalten.“363
Um  aus  Hiegel  den  größten  politischen  Nutzen  zu  ziehen,  machte  Halber  ihn  mit
den  jüngsten  Lothringenveröffentlichungen  aus  dem  ELI  und  dem  IGL  vertraut
und  gab  ihm  die  reichsdeutsche  Generallinie  vor.  Lothringischer  Partikularismus
in  der  Geschichte  durfte  zwar  beschrieben  werden,  aber  nur  wenn  er  sich  gegen
Frankreich  gerichtet  habe.  Im  Reichszusammenhang  ließ  Halber  jegliche  lothringische
  Identität  ausblenden:  „Bei  der  Gestaltung  Ihres  Beitrages  dürfte  es  wohl

35x  ADM,  1W236:  Halber,  „Bericht  über  die  Fahrt  von  Dr.  Christian  Halber  nach  Saargemünd
am  17./18.  Mai  1941“,  1-3.
359  ADM,  1W236:  Halber,  Saargemünd  am  17./18.5.1941,  2.
360  AMSgs,  Schulwesen:  Stadtkommissar  Saargemünd  an  Buton  v.  20.1.1942;  Direktionszulagen
  der  Leiter  der  Volksschulen  v.  Aug.  1940  -  Feb.  1941;  für  die  Einsicht  in  diese  Dokumente
danke  ich  Fabrice  Weiss.  Gérard  Henner,  „Charles  Bouton  (1880-1968):  Instituteur  à  Volmunster,
  écrivain  et  conteur  en  langue  francique“,  Rémy  Seiwert  [et  al.],  Volmunster  Eschviller-Weiskirch:
  Un  siècle  d’histoire:  Avec  des  larges  détours  par  le  XIXème  siècle  1870-1970,  t.  1  :
1870-1939  (Volmunster:  [sans  éditeur]  2003),  231-32;  cf.  Charles  Bouton,  „E  Raddikalmiddel“,
  Zeitschrift  für  lothringische  Volkskunde,  1  (1937),  44-46.
361  ADM,  1W236:  Halber,  Saargemünd  am  17./18.5.1941,  1-3.
362  H.  Hiegel,  „Journal  personel“  am  18.5.1941;  persönlicher  Besitz  von  Herrn  Charles  Hiegel.
363  ADM,  1W236:  Halber,  Saargemünd  am  17./18.  Mai  1941,  1-2.

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