Die Einheit der Wissenschaft, im Mittelalter noch durch die Universalität der
römischen Kirche gewährleistet, hatte sich im Späthumanismus aufgelöst; die
internationale Sprache der Wissenschaften, das Latein, wurde von den Nationalsprachen
verdrängt.86 Spätestens im 18. Jahrhundert verschwand die traditionelle
peregrinatio académica. Die ursprünglich kirchlich oder privat korporativ organisierten
Universitäten gingen zum Teil in staatliche Leitung über, um unter anderem
Beamtenpersonal für die modernen Verwaltungen auszubilden. Die Eliten wurden
durch das Studium im eigenen Land einwandfrei sozialisiert.87 In Deutschland
verschrieben sich im beginnenden 19. Jahrhundert Burschenschaftler ausdrücklich
einer national gerichteten Wissenschaft:
„Vor allem wollen wir uns als Studierende eines ernsten und besonnenen Lebens
befleißigen und der Wissenschaft treu und redlich dienen. Aber der müßigen
Gelehrsamkeit, die keine Tatkraft hat und achtet, wollen wir nicht frönen. Mit
besonderem Eifer wollen wir alle diejenigen Wissenschaften studieren, die den
Geist über Volk und Vaterland und alle öffentlichen Verhältnisse aufklären und
die Gesinnung für Volk und Vaterland und alle öffentlichen Verhältnisse zu
läutern und zu kräftigen vermögen - Moral, Politik, Geschichte.“88
Im 19. Jahrhundert übernahm der Zentralstaat die Kulturpolitik und vor allem die
Erziehung seiner Staatsangehörigen: „An der Basis der modernen sozialen Ordnung
steht nicht der Henker, sondern der Professor.“86 * ln der Folge entwickelten
sich Nationalwissenschaften, Wissenschaften mit einem nationalen Anliegen.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde zum Beispiel Geographie zum Instrument
nationaler und imperialer Identität.911 Am Beispiel von Großbritannien,
Frankreich und Deutschland zeigte Marie-Claire Robic, wie sich um 1900 ,,géographies
nationales“ herausgebildet hätten: „Nationalgeographie“91 nicht nur im
86 Bernhard Giesen, Die Intellektuellen und die Nation: Eine deutsche Achsenzeit (Frankfurt,
M.: Suhrkamp, 1993), 143-51; Burke, Papier und Marktgeschrei, 97.
87 Wolfgang Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt: Eine vergleichende Verfassungsgeschichte
Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart, 2., durchges. Aufl. (München: Beck, 2000),
194, 398-401.
88 Kieler Entwurf von etwa 1817 zu „Die Grundsätze und Beschlüsse des achtzehnten Oktobers,
gemeinsam beraten, reiflich erwogen, einmütig bekannt und den studierenden Brüdern auf
andern Hochschulen zur Annahme, dem gesamten Vaterlande aber zur Würdigung vorgelegt
von den Studierenden von Jena“; zit. nach Hans Ehrentreich, „Heinrich Luden und sein Einfluß
auf die Burschenschaft“, Quellen und Darstellungen zur Geschichte der Burschenschaft und
der deutschen Einheitsbewegung, hg. i. A. der Burschenschaftlichen Historischen Kommission
v. Herman Haupt, (Heidelberg: Winter, 1913), 4: 113-29, hier 126.
89 Emest Gellner, Nationalismus und Moderne, Übs. Meino Büning (Hamburg: Rotbuch, 1995), 56.
Charles W. J. Withers, Geography, Science and National Identity: Scotland since 1520,
Cambridge Studies in Historical Geography, 33 (Cambridge, UK: Cambridge UP, 2001), 233;
cf. M. D. Eddy, „[Review] Charles W. J. Withers, Geography, Science and National Identity:
Scotland since 1520 (2001)“, The British Journal for the History of Science, 36 (2003), 92-93,
hier 92.
Iris Schröder, „Die Nation an der Grenze: Deutsche und französische Nationalgeographien und
der Grenzfall Elsaß-Lothringen“, Wissenschaft und Nation in der europäischen Geschichte, Hg.
Ralph Jessen, Jakob Vogel (Frankfurt, M.: Campus, 2002), 207-34, hier 208, 217.
31