Herstellung solcher zweckgerichteter kultureller Karten ihre universelle Qualität
verliert und sich als kultureller Raum enthüllt. Nicht umsonst wird der Begriff
„wissenschaftliches Terrain“ verwendet; laut Peter Burke evoziere er „die Vorstellung
Gelehrter als Ackerbauern, die ihr intellektuelles Feld gegen die Übergriffe
ihrer Nachbarn aus angrenzenden Disziplinen verteidigen. Der territoriale Imperativ
war - und ist - in der intellektuellen Welt ebenso wichtig wie im Reich der Politik
und Ökonomie.“82
Dies deckt sich mit meiner Beobachtung der deutschen und französischen
Wissenschaften im Streit um das Saargebiet. Beide zogen theoretische und methodische
(und nationale) Grenzen um ihre fachlichen Anschauungen und schlossen
die der anderen Seite aus. Der Widerstreit konnte nicht aus sich heraus gelöst
werden,83 sondern nur von außen durch die Entscheidung der Gesellschaft, an
die sich die Wissenschaftler wandten. Nichtakademiker mussten durch wissenschaftliche
Grenzarbeit von der Glaubwürdigkeit der eigenen Argumente und
Thesen überzeugt84 und Wissenschaft durch Publizistik und Massenpropaganda
popularisiert werden. Dabei änderte sie zwangsläufig ihren Charakter. Nicht
länger zählten die Methoden und das technische Vermögen des Wissenschaftlers,
sondern dessen Fähigkeit, Grenzarbeit zu leisten und seine Anschauung einem
breiten Publikum als die einzig wahre darzutun. Hier mussten kartographische
Taschenspielertricks angewendet werden, um die eigene Arbeit innerhalb und das
Betätigungsfeld des intellektuellen Gegners außerhalb der wissenschaftlichen
Grenzpfahle zu markieren.
Wissenschaftler verhalten sich im Grunde wie Außenpolitiker, die den Vertretern
fremder Interessen eine Linie in der Landschaft als die eigene Gebietsgrenze vorschreiben.
Viele an der Landesgrenze agierende Wissenschaftler stellten problemlos
eine (wenigstens temporäre) Identität zwischen ihren wissenschaftlichen und
nationalen Ansprüchen her, indem sie Handlungsmuster, die sie in der Wissenschaft
längst eingeübt hatten, auf den internationalen Raum übertrugen. Ohne
subjektiv das Diktum der wissenschaftlichen Objektivität verletzt zu haben, war
aus dem neutralen Wissenschaftler ein parteiischer Politiker geworden. Wer eine
Grenze zieht, definiert zusammen mit dem Innen- und Außenraum eine hierarchische
Ordnung. Fast immer wird die Ingroup, weil man sich selbst zu ihr zählt,
über die Outgroup erhoben. In der wissenschaftlichen wie in der nationalen
Auseinandersetzung korrespondiert Eingrenzen mit Ausgrenzen.85
8' Peter Burke, Papier und Marktgeschrei: Die Geburt der Wissensgesellschaft, Übs. Matthias
Wolf [2. Aufl.] (Berlin: Wagenbach, 2002), 106.
K’ Jean-François Lyotard, Der Widerstreit, Übs. Joseph Vogl, mit e. Bibliogr. zum Gesamtwerk
Lyotards v. Reinhold Clausjürgens, 2., korr. Aufl., Supplemente, 6 (München: W. Fink, 1989).
84 Gieryn, Cultural Boundaries, xi-xii, 23-24, 28-30.
85 Michel Foucault; zit. nach Burke, Papier und Marktgeschrei, 139.
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