Full text : Volk, Reich und Westgrenze

stehe  das  Saarpfälzische  Institut  „für  sich  allein“.  Emrich,  selbst  weder  Geograph
noch  Historiker,  sei  nur  „von  der  Partei  (Gauleitung)  aus  in  sein  Amt  gekommen“.117
  Sante  wollte  die  archivalischen  Verhältnisse  in  der  Saarpfalz  und  in
Lothringen  neu  strukturieren.  Die  Regionalgeschichte  müsse  institutionell  und
inhaltlich  einheitlich  um  „ein  großes,  wohlausgestattetes  Reichsarchiv“  in  Saarbrücken,
  das  Träger  der  historischen  Kommission  im  neuen  Reichsgau  werden
solle,  aufgebaut  und  „auf  das  Reich  ausgerichtet“  werden.  An  eine  eigenständige
lothringische  historische  Kommission  oder  gar  an  die  Wiedererrichtung  der
SHAL  war  nicht  gedacht:  Sante  wollte  die  lothringischen  Forschungseinrichtungen
  sämtlich  in  Bürckels  Gauwissenschaften  aufgehen  lassen.118  Bürckels
Allmacht  über  die  Westmark  war  von  Hitler  bekräftigt  worden  und  Sante  beugte
sich  der  Macht  des  Faktischen.  Den  saarländischen  Rückgliederungskampf  in
Erinnerung  verstand  er  der  westmärkischen  Gauleitung  produktiv  entgegenzuarbeiten.
  Da  er  immer  noch  an  eine  Rückkehr  an  die  Saar  glaubte,  bestätigte  er  die
von  Bürckel  getroffenen  Wissenschaftsmaßnahmen,  bot  ihm  seine  Mithilfe  bei
der  Identitätsstiftung  im  neuen  größeren  Gau  an  und  hoffte,  sich  dabei  selbst  zum
Mittelpunkt  der  westmärkischen  Geschichtswissenschaften  zu  machen.
Martial  Griveaud  (1892-1946),  der  Leiter  der  Archives  départementales  de  la
Moselle  und  des  Service  des  Antiquités  et  Objets  d’Art  in  Metz,  ließ  ab  September
1939  Archivmaterial,  Bücher,  Dokumente  und  Kunstgegenstände  verschiedener
Kommunen  und  Einrichtungen  des  Departements  nach  Westfrankreich  auslagern.
Die  Deutschen,  die  1940  die  Kulturgüter  zurückholen  wollten,  empfanden  Griveaud
als  wenig  kooperativ  und  verjagten  ihn  von  seinem  Posten.119 *  Bürckel  übertrug  die
archivalischen  Aufgaben  in  Lothringen  Emrich,  der  dazu  seine  beiden  Mitarbeiter
aus  dem  Saarpfälzischen  Institut  Fritz  Braun  und  Johannes  Postius  abstellte.
Braun  als  gebürtiger  Metzer  sollte  militärisch  -  der  CdZ  war  im  Juli  1940  noch
eine  Wehrmachtsgliederung  -  auf  den  Archivposten  beordert  werden.170  Bürckels
Begehrlichkeiten  reichten  bis  nach  Nancy.  Durch  Emrich  für  die  lothringischen
Archivfragen  interessiert,  wollte  er  sich  „Klarheit  über  die  Westarchivalien  in

117  HessHStA,  1150/1:  Sante  (AOK  -  Freimachungsstab)  an  Zipfel  v.  27.6.1940,  2;  cf.  Sante  an
Zipfel  v.  27.6.1940,4.
118  HessHStA,  1150/52:  S[ante]  an  Zipfel  v.  9.9.1940,  2-3.
119  ADM,  1W1:  Barth  an  ORR  Dr.  Hoffmann  im  Hause  v.  2.7.1940;  cf.  HMP,  G/Allgemein
1941-42:  Emrich  an  Postius  v.  8.7.1940;  Jean  Colnat,  Guide  des  Archives  de  la  Moselle  (Metz:
[ADM]  1971),  44-45.
120  HessHStA,  1150/52:  Barth  (AOK-CdZ)  an  RMdl  v.  22.7.1940;  cf.  HMP,  G/Allgemein
1941-42:  Emrich  an  Postius  v.  8.7.1940;  ADM,  1W1:  Barth  an  Hoffmann  im  Hause  v.  2.7.
1940;  HMP,  G/Allgemein  1941-42:  Emrich  an  Postius  v.  8.7.1940;  Hitler  v.  15.8.1940,  [Adolf
Hitler]  „Führer-Erlasse“  1939-1945:  Edition  sämtlicher  überlieferter,  nicht  im  Reichsgesetzblatt
  abgedruckter,  von  Hitler  während  des  Zweiten  Weltkrieges  schriftlich  erteilter  Direktiven
aus  den  Bereichen  Staat,  Partei,  Wirtschaft,  Besatzungspolitik  und  Militärverwaltung,  zsgest.
u.  eingel.  v.  Martin  Moll  (Stuttgart:  Steiner,  1997),  134;  Fenske,  „Bürokratie“,  128;  Rödel,
„Behörde“,  302;  Oldenhage,  „Verwaltung“,  1152.

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