Unter dem Begriff „Deutschtumswissenschaften“ fasse ich die Gesamtheit der sich
mit dem deutschen Volk, dessen Raum und dessen kulturellen Ausdrücken beschäftigenden
Wissenschaften zusammen, Volkskunde, -geschichte78 *, -geographie,
-wirtschaftslehre und Soziologie des deutschen Volkstums. „Deutschtum“ ist im
Gegensatz zu „Volk“ auf das deutsche Volk, auf die deutsche Gesellschaft im
ethnischen Sinne beschränkt und hierum ging es den genannten Wissenschaftszweigen
in erster Linie; von einer Wissenschaft des gesamten Volkes im soziologischen
Sinne kann bei ihnen keine Rede sein. Diese sozialwissenschaftlichen
Disziplinen räumten dem Deutschtum gegenüber anderen Ethnien „eine stets höhere
völkische ,Dignität“4 ein. g Daher stellt mein Begriff „Deutschtumswissenschaften“
die betriebene thematische Hierarchisierung heraus und setzt sich dadurch von
dem üblichen ungenauen Begriff „Volkswissenschaften“ ab, welcher die Gefahr
birgt, den in jenen Jahren nationalistisch und rassistisch beschränkten Inhalt der
Deutschtumsdisziplinen zu verschleiern. Für die nationalsozialistische Forschung
in der annektierten Moselle ist der Begriff „Volkswissenschaften“ schon allein
deswegen ungeeignet, da die betreffenden Wissenschaften Angehörige der französischsprachigen
Bevölkerungsgruppe, der jüdischen Religion oder der polnischen
oder italienischen Minderheit, wenn überhaupt, nur in negativer Absicht und
Weise behandelten.
Des Wissenschaftlers Grenzen
Jede Wissenschaft zieht Grenzen. Sie benennt die Scheidelinie zwischen Pflanze
und Tier, zwischen Tier und Mensch. Sie definiert Natur und Kultur.80 Sie entscheidet,
was dazu gehört und was nicht. Darüber hinaus bestimmt sie, was
Wissenschaft ist und was in welche Wissenschaftsdisziplin gehört. Für die
wissenschaftliche Neigung, die eigene Disziplin, die eigenen Methoden und Forschungsansätze
kulturell von anderen abzugrenzen, stellte Thomas F. Gieryn ein
Modell von „cultural boundaries of Science“ auf.81 * Wissenschaftler („knowledge
makers“) schützten den Wahrheitsanspruch ihrer Ergebnisse, indem sie diese
als wissenschaftlich deklarierten und ihre Behauptungen mit Argumenten als
Wissenschaftlichkeitsgebiet absteckten. Widersprechende Äußerungen anderer
würden als unwahr und unwissenschaftlich abgetan, weil sie außerhalb des abgesteckten
Territoriums lägen. Gieryn erkennt, dass die Wissenschaft durch die
78 Oberkrome, Volksgeschichte.
Bernd Faulenbach, „Tendenzen der Geschichtswissenschaft im ,Dritten Reich“1, Berater der
braunen Macht: Wissenschaft und Wissenschaftler im NS-Staat, Hg. Renate Knigge-Tesche
(Frankfurt, M.: Anabas, 1999), 26-52, hier 42. '
Zu den Schwierigkeiten der Kultur-Definition: La culture est-elle naturelle? Histoire,
épistémologie et applications récentes du concept de culture, dir. Albert Ducros, Jaqueline
Ducros, Frédéric Joulian, publié avec le concours du groupement de recherches du CNRS
„Biologie, Société et Culture“, Collection des Hesperides (Paris: Errance, 1998).
Thomas F. Gieryn, Cultural Boundaries of Science: Credibility on the Line (Chicago: U of
Chicago P, 1999).
29