Full text : Volk, Reich und Westgrenze

er  es  bei  Luxemburg  enden.69  Das  war  die  Landschaft,  auf  die  er  es  abgesehen
hatte.  Boehm  wollte  die  „tief  im  lothringischen  Wesen  verankerten,  durch  die  ganze
Geschichte  des  Lothringerlandes  bezeugten  Urtriebe  und  Haltungen“  frei  legen
und  einen  lothringischen  Mythos  begründen.  Seine  überhistorischen  Urkräfte
verdanke  Lothringen  der  rassischen  Herkunft  seiner  Bewohner.  Selbst  bei  den
„Welschlothringern“  wollte  Boehm  einen  „im  germanischen  Blutserbe  begründete^]
  Instinkt  gegen  romanische  Gleichmacherei  und  Zentralisierung“  ausgemacht
  haben  und  erinnerte  daran,  „daß  ganz  Lothringen  alter  fränkischer
Kolonial-  und  Siedlungsboden  ist  und  daß  viel  nordisches  Blut  auch  in  welschlothringischen
  Familien  sich  mit  Vorgefundenen  Rassentum  gekreuzt  hat“.70
Durch  die  Verbindung  einer  reichshistorischen  mit  einer  rassistischen  Perspektive
griff  Boehm  über  die  völkische  Beschränkung  der  Deutschtumsforschung  hinaus
und  öffnete  dem  deutschen  Imperialismus  im  Westen  neue  Horizonte.
Auf  Grund  der  Behauptung  lothringischer  Eigenart  ließ  Bürckel  die  öffentliche
Auslieferung  von  Boehms  Buch  unterbinden.  Der  Gauleiter  der  Westmark,  der
den  einverleibten  Bewohnern  der  Moselle  ihr  Lothringertum  austreiben  wollte,
fürchtete  partikularistische  Folgen.71  Obwohl  Boehm  und  Bürckel  im  Frühjahr
1944  ihre  Differenzen  beilegten,  blieb  das  Lothringerland  verboten.  Das  Kuratorium
  für  Volkstums-  und  Landesforschung  im  Reichsinnenministerium,  wie  sich
die  vom  Reichsführer  SS  übernommene  Geschäftsstelle  der  VFG  jetzt  nannte,  bestätigte
  Ende  1944  noch  einmal  das  Verbot  des  Propagandaministeriums.72 *  Allem
Anschein  nach  hatte  die  Führung  des  Reiches  das  Gefühl,  dass  Boehm  ihren
Entscheidungen  über  die  Westgrenze  vorgegriffen  hatte.
Auslöschung  lothringischer  Identität
Für  lothringische  Eigenheiten  waren  in  der  Moselle  schlechte  Zeiten  angebrochen.
  Ende  September  1940  herrschte  Gauleiter  Bürckel  seine  Neuuntertanen  an:
„Männer  und  Frauen  von  Lothringen!  Ihr  seid  nicht  mehr  Lothringer  in  dem  alten
politischen  Sinn.  Ihr  seid  zuerst  Deutsche  und  nochmals  Deutsche  und  dann  erst
wohnt  Ihr  in  einer  Landschaft,  die  zufällig  Lothringen  heißt.“7’  Wie  die  Erinnerung
  an  Frankreich  wollte  Bürckel  jegliche  Form  lothringischen  Eigensinnes
ersticken  und  durch  ein  großdeutsches  Bewusstsein  ersetzen.  Neben  musischen
Einrichtungen,  wie  dem  Deutschen  Theater,  dem  städtischen  Orchester  und

69 Boehm,  Lothringerland,  vii,  cf.  8-9,  Beilage  Kt.  1-3,  6-12.
11  Boehm,  Lothringerland,  432,  430.
71  AMSgs,  Hiegel/activité  littéraire  1940-44:  F.  Bruckmann  Verlag  an  Hiegel  v.  4.11.1942;  cf.
H.  Hiegel,  „La  germanisation“,  87.
72  BABL,  R58/101,  f.  212:  SS-Untersturmfuhrer  Dr.  v.  Hehn  an  RMVP  v.  24.11.1944;  cf.  Carsten
Klingemann,  „Soziologen  in  der  ,Westforschung‘  während  des  Nationalsozialismus“,  Griff  nach
dem  Westen:  Die  „Westforschung“  der  völkisch-nationalen  Wissenschaften  zum  nordwesteuropäischen
  Raum  (1919-1960),  Hg.  Burkhard  Dietz,  Helmut  Gabel,  Ulrich  Tiedau,  Studien  zur
Geschichte  und  Kultur  Nordwesteuropas,  Bd.  6  (Münster:  Waxmann,  2003),  407-45,  hier  429.
1  Rede  am  22.9.1940;  zit.  nach  Heimatbrief  aus  der  Westmark,  4  (1942)  [4].

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