macht hätten. Die Vernachlässigung Lothringens durch die deutsche Geschichtsforschung
war für ihn ein Skandal. Boehm behandele das Thema Lothringen nur
historisch, um Hitlers Entscheidung über die Aufteilung Frankreichs nicht
vorzugreifen, wolle aber in jedem Fall „über die bisherige Volksdeutsche Blickeinstellung
auch im Westen hinauskommen und zu einer reichischen Betrachtungsweise
vorstoßen“ und „auch auf die Gefahr von kleinen Ungenauigkeiten
und Schnitzern im einzelnen schnell zu größeren zusammenfassenden
Darstellungen über diese Themen kommen“. Ende Sommer 1941 plante Boehm
nach Burgund zu fahren, um ein Buch über diesen Raum anzuschließen.63 Die
reichsdeutsche Geschichtswissenschaft solle nicht bei der Annexion von Eisass-Lothringen
stehen bleiben, sondern schon jetzt historische Ansprüche auf westliche
Regionen formulieren, wozu sie sich auf die mittelalterliche Ausdehnung
des Reiches beziehen solle, ln seinen Büchern zu Lothringen und zu Burgund
wollte Boehm anhand der „ideologischen Faktoren und historischen Traditionen“
eindrücklicher als durch die „Betrachtung der modernen Volkstums- und Sprachgrenzen“
die Bindungen der beiden Landschaften an das Reich beweisen.64 Best,
der nichts unverrichtet ließ, um Frankreich regionalistisch zu zerstückeln,65 bejahte
Boehms Vorhaben, ließ ihm die nötigen Papiere ausstellen und stand ihm
mit Rat und Tat zur Seite.66 Im April 1941 forschte Boehm in der annektierten
Moselle und im besetzten Lothringen vor Ort.67
In seinem vom revisionistischen Berliner Institut für Grenz- und Auslandstudien68
mit historischen Karten ausgestatteten Buch Lothringerland konzentrierte sich
Boehm auf die französische Region Lorraine. Die anderen Landschaften des
mittelalterlichen Lotharingiens ließ er unberücksichtigt. Die natürlichen Grenzen
seines Lothringerlandes bezeichnete er mit den Argonnen im Westen, dem Sichelgebirge
(Monts Faucilles) im Süden und den Vogesen im Osten; im Norden ließ
63 AN, AJ40 570/2, f. 97, cf. f. 96: Boehm an Toepfer v. 8.5.1941; AN, AJ40 570/3, f. 22:
Telegramm Boehm an Wermke v. 16.6.1941; f. 21: Telegramm Wermke an Boehm in Nancy v.
10.6.1941.
64 GStAPK, Rep. 178/VII, 3A5, II, f. 158r: Zipfel an StAR Dr. Fredericks u. an Rohr v.
6.7.1943: WFG-Tagung am 3.7.1943.
65 AN, AJ411 567/14: passim; Ulrich Herbert, Best: Biographische Studien über Radikalismus,
Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989, 2., durchges. Aufl. (Bonn: Dietz, 1996), 292-95.
66 BAK.O, N1077/7: Boehm an Toepfer v. 25.2.1948 [1]: „Meine beiden letzten Bücher über
Lothringen und Burgund wären kaum ohne die tatkräftige Hilfe von Bfest] an die Öffentlichkeit
gelangt.“ Ich danke Lionel Boissou für die Einsicht in diesen Brief. Cf. AN, AJ40 570/2, f.
94: W[ermke] an Boehm v. 24.5.1941; f. 100: Chef des Stabes Heeresrüstung und Befehlshaber
des Ersatzheeres an Loesch (Institut für Grenz- und Auslandstudien, Berlin) v. 30.4.1941; f. 99:
Oberst d. GenSt. und Chef des Stabes (OKH - Chef Rüst und BdE): Bescheinigung v.
30.4.1941; Max Hildebert Boehm, Geheimnisvolles Burgund: Werden und Vergehen eines
europäischen Schicksalslandes (München: Bruckmann, 1944), viii; Specklin, „Frontière“, 12;
Kluke, „Nationalsozialistische Europaideologie“, 256.
67 AN, AJ40 570/2, f. 94: W[ermke] an Boehm v. 24.5.1941.
68 Carsten Klingemann, Soziologie im Dritten Reich (Baden-Baden: Nomos, 1996), 71-86.
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