schlussfragen geworden war. Er errichtete über sie eine brutale Herrschaft, die
sich beeilte, alle französische Erinnerung zu vernichten. Wer nicht einverstanden
war oder nur in den Geruch geriet, nicht in das neue Reich zu passen, wurde
ausgewiesen. Über 100 000 Eothringer, vornehmlich die bäuerliche Bevölkerung
französischer Sprache, wurden von den deutschen Behörden nach Westen vertrieben.
Die geraubten Höfe wurden mit deutschen Siedlern besetzt. Die SS
plante, langfristig weitere 60 Prozent der Lothringer „in das Altreich“ umzusiedeln,
damit die Moselle nach 25 Jahren zu zwei Dritteln von Reichsdeutschen
bewohnt sein würde.46 ln späteren Jahren wurden auffällige oder politisch verdächtige
Lothringer von Gestapo und SS verhaftet, ins Altreich, in die besetzten
oder annektierten Gebiete in Osteuropa oder ins Konzentrationslager verschleppt.
Wer Französisch sprach, riskierte ebenfalls das Konzentrationslager.47 Ab 1942
wurden die männlichen Elsässer und Lothringer zur Wehrmacht eingezogen.
Fahnenflüchtige und deren Familien wurden mitleidlos verfolgt.48
Die Einverleibung Elsass-Lothringens war die Minimalforderung, die man Frankreich
am Friedenskonferenztisch vorsetzen wollte. In Reichsregierung und Gauleitung,
in Wehrmacht, Wirtschaft und Wissenschaft dachte man weiter. Hitler
beabsichtigte schon seit Herbst 1939 die Kanalküste und Burgund in den deutschen
Staat einzugliedern und das deutsche Reich in den Grenzen von 1547 wiederherzustellen.49
Nach den militärischen Siegen im Westen wollte Hitler seinen
Landhunger stillen. Am Tage, da Paris in die Hände der Wehrmacht fiel, legte der
Staatssekretär im Reichsinnenministerium Wilhelm Stuckart seinem obersten
Dienstherrn eine Denkschrift zur „Grenze zwischen Deutschland und Frankreich“
vor. Nach diesen von Hitler genehmigten Plänen sollten neben dem ehemaligen
Reichsland, also dem Eisass und dem Departement Moselle, die gesamte Region
46 ADM, 1W296, f. 40-41: Kynast, Besprechung am 1 1.3.1942 zur Behandlung der Fragen über
die deutsche Volksliste und Lösung der Eindeutschungsaufgaben in Lothringen v. 19.3.1942.
4' Wolfanger, „Nationalsozialistische Politik“, 99-103.
48 Le Marée, Le Marée, Les années noires; Pierre Barrai, „L’Alsace-Lorraine: frais départements
sous la botte“, La France des années noires, t. 1 : De la défaite à Vichy, dir. Jean-Pierre
Azéma, François Bédarida (Paris: Seuil, 1993), 233-49; Oldenhage, „Verwaltung“, 1152-55;
Eberhard Jäckel, Frankreich in Hitlers Europa: Die deutsche Frankreichpolitik im Zweiten
Weltkrieg, Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, 14 (Stuttgart: DVA, 1966), 229-32,
316-19; Fr. Roth, „Le temps“, 438; cf. Kettenacker, „Haltung“, 148-63; Schaefer, Bürckels
Bauernsiedlung, 65-73.
49 Robert Specklin, „La frontière franco-allemande dans les projets d’Adolf Hitler“, Recherches
géographiques à Strasbourg (1983), n° 24, 5-26, hier 5; lan Kershaw, Hitler 1936-1945, Übs.
Klaus Kochmann, 3. Aufl. (Stuttgart: DVA, 2000), 336. Zu den Planungen eines SS-Treuhandgebiets
Burgund: Karl Stuhlpfarrer, Umsiedlung Südtirol 1939-1940 (Wien: Locker, 1985),
649-69; cf. Laurent Olivier, „Le ,Mont LassoisL de Vix (Côte-d’Or) dans la Westforschung
nationale-socialiste: Archéologie et géopolitique nazie dans le Nord-[E]st de la France“,
Antiquités nationales, 32 (2000), 117-42, hier 131-32; Wolfgang Freund, „NS-Volksforschung
im Nibelungenland“, Die Nibelungen in Burgund: Dokumentation des Symposiums von Stadt
Worms und Nibelungenlied-Gesellschaft Worms e. V. am 30. September 2000, Hg. Gerold
Bonnen, Volker Gallé, Schriftenreihe der Nibelungenlied-Gesellschaft Worms e. V., 1 (Worms:
StdA, 2001), 138-59.
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