Full text : Volk, Reich und Westgrenze

vom  ELI  konnte  sich  in  seinem  überwiegend  objektiv  gehaltenen  Artikel  zum
elsässischen  und  lothringischen  Siedlungsbild  gewisser  Seitenhiebe  gegen  die
französische  Wissenschaft  nicht  enthalten.  Bei  Eugen  Mayser  hingen  elsässische
und  ostlothringische  Mundart,  Sitte  und  Überlieferung  eng  mit  den  angrenzenden
„innerdeutschen“  Landschaften  zusammen:  „Die  beiden  Länder  gehören  zu  den
lied-  u[nd]  überlieferungsreichsten  deutschen]  Gauen  u[nd]  zeigen  auch  hierin
die  tief  wurzelnde  u[nd]  ein  reiches  Erbe  treu  bewahrende  Kraft  ihres  Volkstums.“42
  Mayser  benutzte  die  Vokabel  „Gau“,  wohl  wissend,  dass  sie  Mitte  der
1930-er  Jahre  ihre  landschaftliche  Unschuld  eingebüßt  hatte  und  zu  einem  politischen
  Begriff  der  nationalsozialistischen  territorialen  Neuordnung  geworden  war.
Elsass-Lothringen-Forschung  war  in  der  Zwischenkriegszeit  ein  politisch  gewagtes
  Unterfangen.  Die  Arbeiten  zum  Handwörterbuch  überwachte  das  Berliner
Außenministerium.  Bestanden  politische  Bedenken  gegen  einzelne  Beiträge  oder
Textpassagen,  so  mussten  die  Herausgeber  Änderungen  vornehmen.  Legationssekretär
  Werner  Frauendienst  vom  Politischen  Archiv  des  Auswärtigen  Amtes43
beanstandete  die  „literarische  Verwertung“  von  Aktenauszügen  zur  Geschichte
der  Grenzziehung  in  Lothringen  1870/71.  Er  hatte  Vorbehalte  gegen  eine  Veröffentlichung
  einzelner  deutscher  Gebietsforderungen  gegen  Frankreich,  auch
wenn  diese  letztlich  von  Bismarck  abgelehnt  worden  seien.  Das  Auswärtige  Amt
fürchtete,  dass  die  französische  „Propagandatechnik“  sich  solcher  Kenntnisse  bedienen
  würde,  um  die  Kriegsschuldthese  zu  stützen.  Also  musste  die  Wissenschaft
  hierüber  Stillschweigen  bewahren.44
Westgrenzziehung  1940
Als  im  September  1939  der  Zweite  Weltkrieg  begann,  mussten  die  Elsässer  und
Lothringer  der  grenznahen  Orte  im  Westen  Frankreichs  Zuflucht  suchen.43  Nach
den  deutschen  militärischen  Siegen  über  Frankreich  im  Mai  und  Juni  1940  wurde
das  ehemalige  Reichsland  Elsass-Lothringen  an  Deutschland  angeschlossen,  nicht
der  Form,  aber  der  Sache  nach  und  in  allen  Einzelheiten.  Die  Moselle  wurde
Bürckel  zugeschlagen,  der  durch  die  Rückgliederung  des  Saargebietes  und  die
„Wiedervereinigung  Österreichs  mit  dem  Deutschen  Reich“  Experte  in  An¬42

  Efugen]  Mayser,  „Elsaß  und  Lothringen:  V.  Volksgut  und  Volksordnung  im  Elsaß  und  in
Deutsch-Lothringen:  2.  Volkskunde“,  Handwörterbuch  des  Grenz-  und  Auslanddeutschtums,
Hg.  Carl  Petersen  [et  al.]  (Breslau:  Hirt,  1937),  2:  420-22,  hier  422;  cf.  W[erner]  Gley,  „Elsaß
und  Lothringen:  V.  Volksgut  und  Volksordnung  im  Elsaß  und  in  Deutsch-Lothringen:
I.  Siedlungsbild“,  ibid.,  2:  417-20.
43  DBA  II,  393:  246.
44  BAKo,  R57neu/893:  Ruth,  Besprechung  mit  Frauendienst  im  PAAA  am  14.6.1937  v.
19.6.1937;  cf.  Ruth  (//w-HR)  an  Dr.  H.  J.  Beyer  v.  19.6.1937;  cf.  Elsaß  und  Lothringen:  Alte
Fassung;  Elsaß  und  Lothringen:  Neue  Fassung;  Christian]  Halber,  „Elsaß  und  Lothringen:
II.  Raum  und  Grenzen:  2.  Grenzen“,  Handwörterbuch  des  Grenz-  und  Auslanddeutschtums,
Hg.  Carl  Petersen  [et  al.]  (Breslau:  Hirt,  1937),  2:  315-16,  hier  316.
45  François  Roth,  „Le  temps  des  Guerres  mondiales  (1914-1945)“,  Histoire  de  la  Lorraine,  dir.
Michel  Parisse,  15e  mille,  Univers  de  la  France  (Toulouse:  Privat,  1987),  419-43,  hier  425,  435,  437.

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