Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Die  deutsche  Lothringenforschung  zwischen  den  Weltkriegen  war  ohnedies  nicht
besonders  auffällig.  Die  wenigen  deutschen  Werke,  die  sich  ausschließlich  mit
Lothringen  befassten,  betrafen  nur  die  lokale  Volkskultur  oder  überblickten  das
frühneuzeitliche  Lothringen  oder  gar  das  ganze  mittelalterliche  Lotharingien,  das
geographisch  weit  über  das  moderne  Lothringen  hinausging.2<1  Des  ungeachtet
aktualisierte  1927  Steinbach  tausend  Jahre  lothringischer  Geschichte,  hoffend,
dass  das  Deutschtum  Ostlothringens  auch  auf  Kosten  der  lothringischen  Einheit
überleben  würde.  '"  Im  Saarkampf  wuchs  das  Interesse  der  Deutschtumswissenschaften
  an  Lothringen.
Besonders  das  revisionistische  Wissenschaftliche  Institut  der  Elsass-Lothringer
im  Reich  an  der  Universität  Frankfurt,  das  so  genannte  Elsass-Lothringen-Institut
(ELI),  arbeitete  zum  ehemaligen  Reichsland.  Obendrein  scheute  es  die  politisch
brisanten  Themen  nicht.'1  Sein  Forschungsziel  umriss  Paul  Wentzcke  (1879-1960),
  vormals  Archivar  in  Straßburg  und  Düsseldorf  und  ab  1935  wissenschaftlicher
  Leiter  des  Instituts:  „Schöpfungen  und  Leistungen  aus  der  Vergangenheit
von  Elsaß  und  Lothringen  nicht  vergessen  zu  lassen,  in  ihrer  Erschließung  durch
streng  wissenschaftliche  Arbeit  der  Zukunft  gesamtdeutschen  Lebens  zu  dienen.“29
 32  Im  Gegensatz  zum  Versailler  Frieden  von  1919  fand  Walter  Platzhoff,
Mitglied  im  Vorstand  des  ELI,  im  Frankfurter  Frieden  von  1871  keine  „große
Härte  gegenüber  dem  zu  Boden  gezwungenen  Angreifer“.33  Grundsätzlich  zollten
die  Beiträge  aus  dem  ELI  der  deutschen  Vergangenheit  des  Reichslandes  Beifall
und  hegten  Argwohn  gegen  die  zukünftige  französische  Entwicklung  des  Elsasses

29  Johann  Rebholz,  Lothringen  und  Frankreich  im  Saarraum:  Deutsch-französische  Grenzverhandlungen
  1735-1766,  Schriften  des  Wissenschaftlichen  Instituts  der  Elsaß-Lothringer  im
Reich  an  der  Universität  Frankfurt  NF,  19  (Frankfurt,  M.:  Diesterweg,  1938);  Paul  Egon
Flübinger,  „Oberlothringen,  Rhein  und  Reich  im  Hochmittelalter“,  Rheinische  Vierteljahrsblätter,
  1  \4\-60.
30  Franz  Steinbach,  „Die  geschichtliche  Stellung  Lothringens“,  Collectanea  Franz  Steinbach:
Aufsätze  und  Abhandlungen  zur  Verfassungs-,  Sozial-  und  Wirtschaftsgeschichte,  geschichtlichen
  Landeskunde  und  Kulturraumforschung,  Hg.  Franz  Petri,  Georg  Droege,  Veröffentlichungen
  des  Instituts  für  geschichtliche  Landeskunde  der  Rheinlande  an  der  Universität  Bonn
(Bonn:  Röhrscheid,  1967),  243-52,  hier  252.
31  Die  Literatur  zum  ELI  besteht  oftmals  aus  Selbstdarstellungen:  Christian  Halber,  „Das
Wissenschaftliche  Institut  der  Elsaß-Lothringer  im  Reich  an  der  Universität  Frankfurt  a.  M.
1920-1945:  Eine  Rückschau“,  Studien  der  Erwin  von  Steinbach-Stiftung,  1  (1965),  133-44;
Stephan  Roscher,  Burg  der  Weisheit  am  Main:  Heimatforschung  und  Kulturmission  mit  Niveau:
Das  Wissenschaftliche  Institut  der  Elsaß-Lothringer  im  Reich  an  der  Universität  Frankfurt  am
Main,  Der  Westen,  14  (Uhingen:  Gesell,  der  Freunde  u.  Förderer  der  Erwin  von  Steinbach-Stiftung,
  2002);  für  die  Zusendung  dieser  Broschüre  danke  ich  Rainer  Möhler.  Den  besten
Überblick  zum  ELI  gab  Grünewald,  Elsaß-Lothringer,  112-28;  cf.  Hammerstein,  Goethe-Universität,
  1:  400-03.  Zzt.  bereite  ich  auf  der  Basis  neuester  Aktenfunde  eine  Geschichte  des  ELI  vor.
'2  Paul  Wentzcke,  „Elsaß  und  Lothringen  im  Rheinischen  Raum:  Ergebnisse  und  Aufgaben
neuerer  Forschung“,  Elsaß-Lothringisches  Jahrbuch,  14  (1935),  1-34,  hier  23.
33  Walter  Platzhoff,  „Die  elsaß-lothringische  Frage  im  Weltkrieg  und  im  Versailler  Frieden“,
Elsaß-Lothringisches  Jahrbuch,  13  (1934),  283-98,  hier  298.

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