Die Lokalforschung und Volkskunde im germanophonen Teil der Moselle blieb
auch nach 1918 zumeist auf die deutsche Forschung ausgerichtet. Für die erste
Hälfte des 20. Jahrhunderts nannte Henri Hiegel an hervorragenden Regionalforschern
des deutschsprachigen Teils Lothringens: den Volkskundler Henri Lerond
(1861-1927), den Ortshistoriker Pfarrer Jacques Touba (1863-1940),3 den
Historiker Domherr Jean-Pierre Kirch (1868-1939),4 * die Märchenforscherin
Angelika Merkelbach-Pinck (1885-1972) und ihren Bruder, den Volksliedsammler
Dr. h. c. Louis Pinck.6 * Merkelbach-Pinck war von den genannten deutschlothringischen
Regionalforschern die Einzige, die nicht in der Moselle, sondern im
Deutschen Reich lebte; im Zusammenhang mit der Märchenforschung im
annektierten Lothringen wird noch von ihr die Rede sein.
John Meiers Aufruf von 1905, alle deutschen Volksliedtexte und -melodien aufzuzeichnen,
fand im lothringischen Hambach Gehör. Seine unter deutscher Verwaltung
begonnene Volksliedsammlung führte Pinck nach 1918 fort, um zu beweisen,
dass Ostlothringen nicht erst am Ende des 19. Jahrhunderts germanisiert worden,
sondern seit Jahrhunderten deutschsprachiges Gebiet sei.6 Pincks lothringische
Liedersammlung erfuhr aus dem Reich jedwede Unterstützung. Volkskundliche
Fragen Ostlothringens waren für die deutsche Seite von nationalpolitischer
Bedeutung: Ihre Beantwortung sollte belegen, dass das Volkstum der Moselle im
französischen Staat fremd sei. Pincks Vorhaben, lothringische Volkslieder phonographisch
aufnehmen zu lassen, wurde 1934 vom „Führer“ des Verbandes deutscher
Vereine für Volkskunde John Meier gefördert, der sich mit dem Auswärtigen
Amt abstimmte.8 Pincks Verklingende Weisen wurden eine der umfangreichsten
Heinz Rothenberger, Die elsaß-lothringische Heimat- und Autonomiebewegung zwischen den
beiden Weltkriegen, 2. Aufl., Europäische Hochschulschriften, 3, 42 (Bern: Lang, 1976), hier
36-58, entstand unter den wachsamen Augen der früheren Elsass-Lothringer im Reich, namentlich
denen Robert Emsts; cf. StUBFfm, N1. Halber, Mappe „Korrekturlisten“: Halber an Ernst
v. 4.6. u. bes. 30.9.1974; cf. StUBFfm, N1. Halber, Gelbe Mappe „Erledigte] Post“: Rothenberger
an Halber v. 2.3.1976, Halber an Rothenberger v. 5. u. 9.3.1976; Wahl, „Historiens
allemands“, 117-18.
Henri Hiegel, „L’œuvre de l’historien lorrain Jacques Touba (1863-1940)“, collab. Charles
Hiegel, Annuaire de la Société d’Histoire et d'Archéologie de la Lorraine, 77 (1977), 151-72;
ADM, 1W253: Hjenri] Hiegel, „Der Volkstumsforscher Jakob Touba“, Saarbrücker Zeitung
(3.3.1942).
4 Henri Hiegel, „Deux folkloristes lorrains: Henri Lerond et Angelika Merkelbach“, Les cahiers
lorrains, 27 (1975), 108-14, hier 108; id., „L’œuvre de l’historien lorrain Jean-Pierre Kirch
(1868-1939)“, Annuaire de la Société d’Histoire et d'Archéologie de la Lorraine, 76 (1976), 143-61,
hier 143; Heinrich [i. e. Henri] Hiegel, „Aus der lothringischen Heimatforschung: Eine Totenschau“,
Erbe und Heimat, 1 (1944), 62-63, hier 62; ADM, 1W253: H[enri] Hiegel, „Ein lothringischer
Volkstumsforscher: Joh.-Peter Kirch (1868-1939)“, Saarbrücker Zeitung (25.6.1942).
ADM, 1W250: H[enri] Hiegel, „Geschichts- und Volkstumsforschung in Lothringen“, Saarbrücker
Zeitung (24.3.1942).
6 PAAA, R60272, f. E061874: Volkskundliche Tagung der RFG [= WFG] v. 26.-28.9.1934:
Redebeitrag Pinck; cf. Mayer, „Betrachtungen“, 64-66.
LASb, SM 116: [John Meier] an Keuth v. 11.8.1934, cf. E. Seydel (Institut für Lautforschung
an der Universität Berlin) an Pinck v. 22.12.1934.
8 PAAA, R65813: J. Meier an Gehrat. Dr. Oster (AA) v. 10.7.1934.
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