Full text: Volk, Reich und Westgrenze (39)

ethischen Grundsätzen des wirkenden Wissenschaftlers.75 Wie nahmen im natio¬ 
nalsozialistischen Gau Westmark ideologische Prämissen, gesellschaftliche und 
politische Absichten oder gar die konkrete Politik Einfluss auf Forschungsinhalte 
und -ergebnisse? In welchen Bereichen arbeiteten Wissenschaft und Politik 
zusammen? Kam es zu Unvereinbarkeiten von Wissenschaft und Politik? Gab es 
Auswirkungen wissenschaftlicher Ergebnisse auf die politischen Entscheidungen? 
Machte sich die Wissenschaft in der Westmark an den Verbrechen des national¬ 
sozialistischen Regimes mitschuldig? Zur Beantwortung dieser schwierigsten Frage 
müssen die moralische Tragweite wissenschaftlichen Forschens im National¬ 
sozialismus und die Flandlungsaltemativen der Wissenschaftler in die Erörterungen 
einbezogen werden. 
Vor dem Hintergrund einer politischen Geschichte der westmärkischen Wissen¬ 
schaften werden deren Forschungsergebnisse in erster Linie ideologiekritisch 
interpretiert. Die Quellenkritik konzentriert sich auf die politischen Bezüge der 
entsprechend ausgewählten wissenschaftlichen Texte. Es wurde in keinem Fall 
der Versuch gemacht, die Produkte der Forscher im Gau vollständig auszuwerten, 
auch wenn der größte Teil ihres wissenschaftlichen Schaffens für dieses Buch 
herangezogen wurde. Daher tauchen ideologiefreie bzw. damaligen politischen 
Erwartungen nur in geringerem Maße entsprechende wissenschaftliche Arbeiten 
im Folgenden nur auf, wenn durch solche die Handlungsspielräume der Wissen¬ 
schaftler Umrissen werden können. Selbstverständlich werden auch die resistenten 
Arbeiten aus der Zeit des Nationalsozialismus in diesen Handlungsvergleich ein¬ 
bezogen werden. Wegen der besonderen Aufmerksamkeit für die Ideologiekritik 
verliert die Trennung zwischen den privaten und den veröffentlichten Texten der 
untersuchten Wissenschaftler zwar nicht gänzlich an Bedeutung. Aber nicht die 
Frage nach dem Beitrag zur Disziplin und zum wissenschaftlichen Fortschritt im 
Allgemeinen wird beantwortet, sondern die nach den politischen und gesellschaft¬ 
lichen Hintergründen und Wirkungen von Wissenschaft. Da sie sich in höherem 
Maße in den politischen Dienst stellten, werden für ein breites Publikum oder gar 
in eindeutig propagandistischer Absicht veröffentlichte wissenschaftliche Werke 
hervorgehoben. Hier mag die Gefahr eines Zirkelschlusses bestehen: Was ich von 
vornherein angenommen habe, die enge Verbindung von Wissenschaft und Politik 
in Nationalsozialismus, scheine ich dadurch beweisen zu wollen, indem ich 
entlastendes Material, eben eine gewisse Anzahl inhaltlich unverdächtiger wissen¬ 
schaftlicher Arbeiten, ausblende und nicht zur Verteidigung der untersuchten 
Thomas S[amuel] Kuhn, „Logic of Discovery or Psychology of Research?“ The Essential 
Tension: Selected Studies in Scientific Tradition and Change (Chicago: U of Chicago P, 1977), 
266-92, hier 290-92; cf. Gunnar Anderson, Criticism and the History of Science: Kuhn’s, 
Lakatos's and Feyerabend’s Criticisms of Critical Rationalism, Philosophy of History and 
Culture, 13 (Leiden: Brill, 1994), 23-24; cf. Rema Rossini Favretti, „Scientific Discourse: 
Intertextual and Intercultural Practice“, Incommensurability and Translation: Kuhnian 
Perspectives on Scientific Communication and Theory Change, ed. id., Giorgio Sandri, Roberto 
Scazzieri (Cheltenham: Elgar, 1999), 201-16, hier 201-02. 
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