Full text : Volk, Reich und Westgrenze

ethischen  Grundsätzen  des  wirkenden  Wissenschaftlers.75  Wie  nahmen  im  nationalsozialistischen
  Gau  Westmark  ideologische  Prämissen,  gesellschaftliche  und
politische  Absichten  oder  gar  die  konkrete  Politik  Einfluss  auf  Forschungsinhalte
und  -ergebnisse?  In  welchen  Bereichen  arbeiteten  Wissenschaft  und  Politik
zusammen?  Kam  es  zu  Unvereinbarkeiten  von  Wissenschaft  und  Politik?  Gab  es
Auswirkungen  wissenschaftlicher  Ergebnisse  auf  die  politischen  Entscheidungen?
Machte  sich  die  Wissenschaft  in  der  Westmark  an  den  Verbrechen  des  nationalsozialistischen
  Regimes  mitschuldig?  Zur  Beantwortung  dieser  schwierigsten  Frage
müssen  die  moralische  Tragweite  wissenschaftlichen  Forschens  im  Nationalsozialismus
  und  die  Flandlungsaltemativen  der  Wissenschaftler  in  die  Erörterungen
einbezogen  werden.
Vor  dem  Hintergrund  einer  politischen  Geschichte  der  westmärkischen  Wissenschaften
  werden  deren  Forschungsergebnisse  in  erster  Linie  ideologiekritisch
interpretiert.  Die  Quellenkritik  konzentriert  sich  auf  die  politischen  Bezüge  der
entsprechend  ausgewählten  wissenschaftlichen  Texte.  Es  wurde  in  keinem  Fall
der  Versuch  gemacht,  die  Produkte  der  Forscher  im  Gau  vollständig  auszuwerten,
auch  wenn  der  größte  Teil  ihres  wissenschaftlichen  Schaffens  für  dieses  Buch
herangezogen  wurde.  Daher  tauchen  ideologiefreie  bzw.  damaligen  politischen
Erwartungen  nur  in  geringerem  Maße  entsprechende  wissenschaftliche  Arbeiten
im  Folgenden  nur  auf,  wenn  durch  solche  die  Handlungsspielräume  der  Wissenschaftler
  Umrissen  werden  können.  Selbstverständlich  werden  auch  die  resistenten
Arbeiten  aus  der  Zeit  des  Nationalsozialismus  in  diesen  Handlungsvergleich  einbezogen
  werden.  Wegen  der  besonderen  Aufmerksamkeit  für  die  Ideologiekritik
verliert  die  Trennung  zwischen  den  privaten  und  den  veröffentlichten  Texten  der
untersuchten  Wissenschaftler  zwar  nicht  gänzlich  an  Bedeutung.  Aber  nicht  die
Frage  nach  dem  Beitrag  zur  Disziplin  und  zum  wissenschaftlichen  Fortschritt  im
Allgemeinen  wird  beantwortet,  sondern  die  nach  den  politischen  und  gesellschaftlichen
  Hintergründen  und  Wirkungen  von  Wissenschaft.  Da  sie  sich  in  höherem
Maße  in  den  politischen  Dienst  stellten,  werden  für  ein  breites  Publikum  oder  gar
in  eindeutig  propagandistischer  Absicht  veröffentlichte  wissenschaftliche  Werke
hervorgehoben.  Hier  mag  die  Gefahr  eines  Zirkelschlusses  bestehen:  Was  ich  von
vornherein  angenommen  habe,  die  enge  Verbindung  von  Wissenschaft  und  Politik
in  Nationalsozialismus,  scheine  ich  dadurch  beweisen  zu  wollen,  indem  ich
entlastendes  Material,  eben  eine  gewisse  Anzahl  inhaltlich  unverdächtiger  wissenschaftlicher
  Arbeiten,  ausblende  und  nicht  zur  Verteidigung  der  untersuchten

Thomas  S[amuel]  Kuhn,  „Logic  of  Discovery  or  Psychology  of  Research?“  The  Essential
Tension:  Selected  Studies  in  Scientific  Tradition  and  Change  (Chicago:  U  of  Chicago  P,  1977),
266-92,  hier  290-92;  cf.  Gunnar  Anderson,  Criticism  and  the  History  of  Science:  Kuhn’s,
Lakatos's  and  Feyerabend’s  Criticisms  of  Critical  Rationalism,  Philosophy  of  History  and
Culture,  13  (Leiden:  Brill,  1994),  23-24;  cf.  Rema  Rossini  Favretti,  „Scientific  Discourse:
Intertextual  and  Intercultural  Practice“,  Incommensurability  and  Translation:  Kuhnian
Perspectives  on  Scientific  Communication  and  Theory  Change,  ed.  id.,  Giorgio  Sandri,  Roberto
Scazzieri  (Cheltenham:  Elgar,  1999),  201-16,  hier  201-02.

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