Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Ramsauer  und  Kaul  stellten  Kopernikus  den  geistigen  Ariernachweis  aus.  Geprägt
durch  die  deutsche  Kultur  bilde  Kopernikus  „ein  wesentliches  Glied  in  der  Entwicklung
  gerade  der  deutschen  Naturwissenschaft“.  Sein  Verdienst  sei  vor  allem
gewesen,  dass  er  auf  gründlicher  wissenschaftlicher  Beobachtung  fußend  „ein  als
unanfechtbar  geltendes  Dogma“  durchbrochen  habe.645  Kritik  an  der  herrschenden
Planetentheorie  sei  seit  dem  ausgehenden  Mittelalter  „ausschließlich  deutsche
Angelegenheit“  gewesen.  Die  kopernikanische  Lehre  habe  den  Kampf  „germanischer
  Weltauffassung  gegen  römisch-kirchliche  Dogmen[...]gewalt“  eingeleitet.646
Seine  mit  vielen  Abbildungen  ausgestattete  Kopernikus-Biographie  von  1943
schloss  Ramsauer  mit  Mitteln  seines  neuen  Arbeitsgebers,  der  vom  Propagandaministerium
  getragenen  Gesellschaft  zur  Erforschung  Deutscher  Kulturleistungen,
ab.  Das  populär  gehaltene  Büchlein  enthielt  nur  eine  Aussage:  „Deutsch  war
Nicolaus  Coppemicus  nach  Abstammung,  Sprache  und  Erziehung  wie  auch  in
seinem  Denken.“  Die  kopernikanische  Lehre  sei  „der  Sieg  einer  höheren  Verstandesarbeit
  über  den  primitiven  Sinnenschein,  der  Sieg  des  Geistes  über  falsche
Erfahrung  und  über  dogmatische  Wissenschaft“.  Sublim  vereinnahmte  Ramsauer
Kopernikus  für  die  nationalsozialistische  Weltanschauung  und  verglich  dessen
heliozentrisches  Weltbild  mit  der  „nordischen  Verehrung  der  Sonne“.647
Ramsauers  völkischer  Naturwissenschaftstheorie  fehlte  jede  Stringenz.  Einerseits
pries  er  Kopernikus’  Mut,  eine  Lehre  entwickelt  zu  haben,  die  sich  „dem  oberflächlichen
  Sinnenschein“  entgegengestellt  habe.648  Andererseits  schmähte  er
Albert  Einstein,  weil  dieser  die  Chuzpe  besessen  habe,  die  empirischen  Beobachtungen
  der  Newtonschen  Physik  zu  relativieren.649  Ramsauer  beabsichtigte  nicht,
ein  geschlossenes  epistemologisches  Modell  von  Dogma  und  Paradigma,  von
Orthodoxie  und  Heterodoxie  aufzustellen,  sondern  die  nationalsozialistische
Hegemonie  und  Hermetik  deutscher  Kultur  zu  erzwingen.  Seine  gelehrten  Beiträge
  sind  kaum  beschönigte  Propagandaschriften.  Sie  hatten  gar  nicht  vor,  die
internationale  wissenschaftliche  Gemeinschaft  von  der  nationalsozialistischen
Wissenschaftsanschauung  zu  überzeugen,  sondern  zielten  ausschließlich  auf  die
Verführung  und  Integration  des  inländischen  Publikums.

645  Ramsauer,  „Deutscher!“,  48-49.
646  H[aupt-]RRedaktion],  „Koppernick“,  315;  cf.  Ritter,  Das  Deutsche  Ausland-Institut,  86-87.
647  Rembert  Ramsauer,  Nicolaus  Coppernicus:  Wandler  des  Weltbildes  (Berlin:  Lüttke,  1943),
6,  55-56.
648  H[aupt-]R[redaktion],  „Koppernick“,  315;  cf.  Ramsauer,  „Deutscher!“,  49.
649  Ramsauer,  „Medicus“,  50;  cf.  Frank-Rutger  Hausmann,  „Der  ,Kriegseinsatz1  der  Deutschen
Geisteswissenschaften  im  Zweiten  Weltkrieg  (1940-1945)“,  Deutsche  Historiker  im  Nationalsozialismus.,
  Hg.  Winfried  Schulze,  Otto  Gerhard  Oexle,  Mitarb.  Gerd  Helm,  Thomas  Ott,  Die
Zeit  des  Nationalsozialismus  (Frankfurt,  M.:  Fischer,  1999),  63-86,  hier  66;  G.  Metzler,
„Nationalismus“,  302.

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