Die Mittelstelle Saarpfalz wurde zusammen mit dem Saarpfälzisehen Institut im
Oktober 1936 in der Gaukulturwoche eingeweiht, die unter dem Motto des Auslandsdeutschtums
stand.* 549 Als Verein zur Auswanderer- und Sippenforschung
machte es sich die Mittelstelle zur Aufgabe, den Bevölkerungsanteil festzustellen,
den die Saarpfalz an das Auslandsdeutschtum abgegeben hatte, und die Leistungen
zur Schau zu stellen, die Pfälzer Nachfahren in der Welt für das Deutschtum
vollbracht haben. Sie nahm unmittelbare Beziehungen zu Ausländsdeutschen
auf,550 besonders zu den auf dem Balkan und in Pennsylvania lebenden Nachkommen
deutscher Auswanderer, bei denen der Anteil von Pfälzern, Saarländern
und Lothringern besonders hoch gewesen war.551 553 In Zusammenarbeit mit einigen
NS-Organisationen baute Braun eine ebenfalls der sippenkundlichen Auskunft
dienende Zentralkartei aller „im Ausland lebenden Saarpfalzer“ auf. Weitere
Karteien banden diese an die Orte ihrer Vorfahren an oder hielten die ausgewanderten
Personen und ihren Wanderungsweg fest. Mit fast 100 000 Aus- und
Weiterwanderungen besaß die Mittelstelle Mitte der 1940-er Jahre eine der
umfangreichsten deutschen SippenkarteienA2 Auf einigen Karteikarten war entsprechend
der nationalsozialistischen Rassenideologie „Jude!“ vermerkt;"5’ gewiss
wurde von der Mittelstelle mit solcher Art gekennzeichneten Auswanderern oder
deren Nachfahren kein Kontakt gepflegt.
Da im Nationalsozialismus Auswanderung als schädlicher „Aderlaß für den deutschen
Volkskörper“ galt,'’54 warb Braun in der Öffentlichkeit um Verständnis für
die historische Situation der Auswanderer: Missernten, politische Verfolgung
oder „die Brandfackel fremder Söldner“, in denen alle Pfälzer Leser sengende
49; Cornelia Wilhelm, Bewegung oder Verein? Nationalsozialistische Volkstumspolitik in den
USA, Transatlantische historische Studien, 9 (Stuttgart: Fr. Steiner, 1998), 115-59, 291-92.
549 HMP, G/Vbv., VDA: Kölsch an d. Mitarbeiter d. Lv. v. 26.8.1936; cf. Herzog, Sonderrundschreiben
zum „Tag des deutschen Volkstums“ 1936 v. 1.9.1936; BayHStA, MK 15552:
Veranstaltungen d. PGFW im Rahmen d. Gaukulturwoche 1936.
550 HMP, G/Institutssitzungen: Emrich, „Wissenschaftliche Arbeit im Gau“, NSZ Rheinfront
(1.4.1937).
551 HMP, G/Institutssitzungen: Emrich, Spl: Aufgabe und Arbeit [7]; cf. Roland Paul, „Auswanderung
aus der Pfalz vom 17. bis zum 20. Jahrhundert“, Das große Pfalzbuch, Hg. id., Karl-Friedrich
Geißler, Jürgen Müller, 7. völlig überarb. Aufl. (Landau: PVA, 1995), 98-110.
5>“ Braun, „Landsleute“, Abhandlungen, 1 (1937), 270-71; cf. id., „Landsleute“, Unsere Heimat
(1936/37), 30-31; StdAKl, AI1I, 303/8d: NS-Gauamtsleiter für Kommunalpolitik an OB
Kaiserslautern v. 15.3.1938; LASp, H 3/8009, f. 33: [id.] „»Landsleute drinnen und draußen1:
Die Aufgaben der Mittelstelle Saarpfalz“, NAZ (10.11.1936); HMP, G/Allgemein 1941-42:
Kirschner an Landesbauemschaft Schleswig-Holstein (Kiel) v. 7.1.1941; HMP, G/Sach 1943-44:
Christmann an Stadtbibliothek Metz v. 27.1.1944. K. Scherer, „Fr. Braun“, 7-8: Ein Teil
der Karteien ging zu Kriegsende verloren.
553 Gespräch mit Roland Paul im IpGV am 12.11.2004; ich danke Herrn Dr. Paul für die Zusendung
von Fotokopien einiger dieser Karteikarten. Ob die „Juden“-Kartei der Mittelstelle beim
Aufbau der antisemitischen Kartei der Fremdstämmigen in der Reichsstelle für Sippenforschung
diente, ist nicht festzustellen; cf. Ribbe, „Genealogie und Zeitgeschichte“, 98-100.
5"4 Ritter, Das Deutsche Ausland-Institut, 101; cf. J. H. Keil, A. Jakob, „Die Auswanderungen
aus den Bürgermeistereien Haustadt und Hilbringen im 19. Jahrhundert“, Saarpfälzische
Abhandlungen zur Landes- und Volksforschung, 2 (1938), 432-56, hier 435.
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