Entwicklung meinte Heinz die konkrete lothringische Siedlungspolitik Bürckels
und allgemein die faschistische Sozialpolitik, die der deutschen Wirtschaft Lohnkosten
sparen würde, wenn jede Arbeiterfamilie zusätzlich zur kapitalistischen
Exploitation nach Feierabend bei sich daheim eine „Überschicht auf dem Acker“
einlegen würde.470 Die wissenschaftlich festgestellten Vorzüge des Arbeiterbauerntums
dienten Bürckel im Zweiten Weltkrieg als Vorwand zur Vertreibung großer
Teile der lothringischen Bevölkerung und zur Umstrukturierung der Siedlungsund
Wirtschaftslandschaft im annektierten Gebiet.471 Bürckel verjagte die fremdländische
Arbeiterbevölkerung, ließ Volksdeutsche Arbeiterfamilien mit Bodenbesitz
ansiedeln, um die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung zu verstärken
und „im Wege der Siedlung an die neue Grenze einen Blutwall deutscher Bauern
und Bergarbeiterbauem zu legen“472 *.
Horizontale Bevölkerungshierarchisierung
Im Zuge der Altstadtsanierung in Saarbrücken lieferte der Arbeitskreis Saarbrücken
1936 der von bürokratischen Zwangsmaßnahmen geprägten NS-Sanierungspolitik
die nötigen Sozialstrukturdaten aus den Stadtvierteln. Zint umschrieb
die forschungsleitenden Interessen: „Was für Menschen bewohnen das Sanierungsgebiet
und wohin lenke ich sie im Sinne einer weitschauenden Planung?“ Er
fürchtete, dass die „Schwachen und Minderwertigen“ dem sanierten Viertel „ungeheuren
Schaden“ zufügen würden, wenn man sie nicht von den „ordentlichen
Familien“ absondere. Anhand von Detailanalysen der sozialen Verhältnisse in den
einzelnen Haushalten nach Beruf, Alter, Einkommen, Wohnsituation, Untermietern
und sozialer Auffälligkeit wurden die „asozialen Teile“ von jenen Mieter
abgetrennt, die in die neuen Siedlungsgebiete einziehen durften. Der Verbleib der
Ausgeschiedenen wurde von Zint ignoriert. Der Arbeitskreis des Saarpfälzischen
Instituts trug somit zur horizontalen Klassifizierung und sozialen Selektion der vom
Nationalsozialismus als unbrauchbar abgesonderten Bevölkerungsgruppen bei.472
Zum Zwecke der Siedlungsplanung und der Bekämpfung der Landflucht ließ die
Akademie für Landesforschung und Reichsplanung im Sommer 1936 die deutsche
Dorfgemeinschaft untersuchen. Der Arbeitskreis Saarbrücken strömte in die Dörfer
des Warndt aus. Um den „gesamten Aufbau des Dorfes“ festzustellen, setzten
die Landesplaner den Saarbrücker NSD-Studentenbund ein. „Bewaffnet mit einem
Fragebogen“ besuchten je zwei Studenten die einzelnen Häuser und befragten die
Familienmitglieder über die Personen des Haushaltes, deren Zahl, Stellung im
470 Karl Heinz, „Die zweite Schicht: Eine soziologische Studie über den Bergmannsbauern an
der Saar“, Erbe und Heimat, 1 (1944), 56-60, hier 56, 59, 57, 59.
471 Gb., „Arbeiterbauem als Grenzsiedler in Lothringen“, Raumforschung und Raumordnung, 6
(1942), 135; cf. Schaefer, Bürckels Bauernsiedlung, 61-62.
472 PAAA, RI05123, f. E207934: Bürckel, Fragen gegenüber Frankreich v. Okt. 1941, 8.
47_' Frank Zint, „Altstadtsanierung Saarbrücken“, Reichsplanung, 2 (1936), H. 4, 107-08; zit.
nach Gutberger, Volk, 254-55.
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