Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Begriff  vom  Proletariat;  er  hielt  es  für  denkbar,  „daß  ein  solcher  Proletarier  am
Kurfürstendamm  in  einer  herrschaftlichen  Wohnung“  hausen  könne,  wenn  dieser
nur  von  ererbtem  Vermögen  lebe  und  nicht  den  Ehrgeiz  nach  selbst  erworbenen
Eigentum  aufbrächte.  Dass  der  einzige  Reichtum  des  Proletariers  per  Definition
dessen  Nachkommen,  die  proles,  sind,  focht  Ludowici  nicht  an.  Verstädterung
war  für  ihn  die  Wurzel  allen  Übels.  Er  beabsichtigte,  die  Städte  aufzulockern  und
ihre  Bevölkerungen  durch  den  Kleinsiedlungsbau  aufs  Land  zu  verlegen.  Städte
entfremdeten  dem  Boden  das  Blut  des  Volkes  und  schlachteten  es  aus.  Sie  seien
nur  lebensfähig,  da  „sie  immer  von  neuem  frisches  Blut  aus  dem  Land  an  sich
zogen,  um  damit  die  Menschen  zu  ersetzen,  welche  sie  seelisch  und  körperlich
verbraucht  hatten“.  Niemals  könnten  sie  „dem  Arbeiterstand  eine  rasse-  und
kulturbildende  Kraft“  geben,  die  der  Bauernstand  besäße.  Am  meisten  sehnten
sich  Städter  und  Proletarier  nach  einem  eigenen  Stück  Land.  Ludowici  wollte  den
Arbeiter  als  Schrebergärtner  und  Kleintierzüchter  „auf  der  deutschen  Erde  durch
richtige  Siedlung  wieder  bodenständig“  machen.  Um  die  Arbeit  insgesamt  halb
industriell,  halb  gartenwirtschaftlich  zu  gestalten,  propagierte  er  das  gleiche
Arbeiterbauernmodell,  nach  dem  auch  Bürckel  die  Bevölkerung  seines  Gaues
umstrukturieren  wollte.454
Noch  1936  wurde  der  Arbeitskreis  Saarbrücken  in  Arbeitskreis  Saarpfalz  umbenannt;
  er  erhielt  im  Saarpfälzischen  Institut  eine  Zweigstelle,  wurde  aber  weiter
von  Ludowicis  Akademie  für  Landesforschung  und  Reichsplanung  bezuschusst.4-'
Im  Arbeitskreis  Saarpfalz  stellte  Diplom-Volkswirt  Dr.  Erwin  Dittler  wirtschaftsund
  sozialwissenschaftliche  Untersuchungen  an,  die  für  künftige  Strukturplanungen
in  der  Saarpfalz  von  erheblicher  Bedeutung  waren.  Später  wurde  er  darin  von  dem
Historiker  Dr.  Frank  Zint  unterstützt.456  Die  Raumplanungsarbeitskreise  des  Instituts
und  die  LPG  Saarpfalz  wurden  durch  Emrich,  der  Mitglied  des  LPG-Beirates  war,
aufeinander  abgestimmt.457

4-4  J[ohann]  W[ilhelm]  Ludowici,  „Entproletarisierung  -  der  Sinn  der  neuen  Wirtschaftsführung“,
Völkische  Wissenschaft  [2]  (1934/35),  66-78,  hier  70,  67,  71;  cf.  Elke  Pahl-Weber,  „Die  Reichsstelle
  für  Raumordnung  und  die  Ostplanung“,  Der  „Generalplan  Ost“:  Hauptlinien  der  nationalsozialistischen
  Planungs-  und  Vernichtungspolitik,  Hg.  Mechtild  Rössler,  Sabine  Schleiermacher,
Mitarb.  Cordula  Tollmein,  Schriften  der  Hamburger  Stiftung  für  Sozialgeschichte  des  20.  Jahrhunderts
  (Berlin:  Akad.  Verl.,  1993),  148-53,  hier  148;  cf.  Tilman  Harlander,  Zwischen  Heimstätte
und  Wohnmaschine:  Wohnungsbau  und  Wohnungspolitik  in  der  Zeit  des  Nationalsozialismus,  Stadt
-  Planung  -  Geschichte,  18  (Basel:  Birkhäuser,  1995),  66-70.
455  StdAKl,  AIII,  313/68:  Emrich  an  OB  Kaiserslautern  v.  16.11.1936;  StdASb,  Großstadt/3120:
Klein  (Städtische  Liegenschaftsverwaltung)  an  OB  Saarbrücken  Abt.  II  v.  23.4.1936.
456  BayHStA,  MK  15552:  Emrich  an  BayKM  v.  15.2.1938,  cf.  [Roth-Lutra  u.]  Emrich,  Vollsitzung
  der  PGFW  am  22.6.1937,  19.
457  StdASb,  Großstadt/3120:  LPG  Saarpfalz,  Beiratsmitglieder  1938;  HMP,  G/Institutssitzungen:
  Emrich,  Spl:  Aufgabe  und  Arbeit  [9].

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