Im Zweiten Weltkrieg führte der Leiter des Lothringischen Instituts Christian
Hallier seinen publizistischen Kampf um Elsass-Lothringen ebenfalls mit antisemitischen
Argumenten. Die wenigen Elsässer, die sich während der Französischen
Revolution als Franzosen gefühlt hätten, seien zu einem großen Teil Juden
gewesen: „Von 413 Freiwilligen, die Straßburg im März 1793 [der Revolutionsarmee]
stellen sollte, meldeten sich ganze 22, darunter 8 Juden.“ Eine Aussage,
die ebenso das Deutschtum der Elsässer behauptete, wie sie den Juden Volksverrat
unterstellte. Seit dem Ersten Weltkrieg versuchten „der extremste Nationalismus
und die Vertreter internationaler Mächte“, womit Hallier den „Sohn eines
ins Elsaß eingewanderten Ostjuden“ meinte, das deutsche Volkstum des Eisass
restlos zu assimilieren.44' Der Streit um die konfessionelle Schulbildung im Eisass
und in der Moselle 1924/25 sei „von jüdischen Sozialisten und Logenbrüdern
maßgebend beeinflußt“ worden.* 444 Wie in ganz NS-Deutschland, so bestimmte
auch im Gau Bürckels in der Judenforschung das antisemitische Feindbild die
wissenschaftliche Darstellung.
Arbeiterbauer
Im nationalsozialistischen Deutschland sollten Landesplanung und Raumordnung
„eine gesunde Volksordnung gewährleisten“.445 Eine solche versprach man sich
von der Verländlichung der modernen Massenproduktion durch die allgemeine
Verbreitung des Arbeiterbauern-Modells. Der Arbeiterbauer verkörperte den
nationalsozialistischen Inbegriff vom Produzenten. Acker und Fabrik verbindend
erfüllte er zwei zentrale Forderungen der nationalsozialistischen Ideologie:
ständische Bodenverwurzelung und technische Leistungsfähigkeit. Der nationalpolitische
Wert des Arbeiterbauern habe sich 1935 erwiesen; Raumer lobte eine
Woche vor der Saarabstimmung die „großenteils auf eigener Scholle“ sitzende
Arbeiter- und Bauernbevölkerung an der Saar, die „in echt germanischem Geist
mit jedem eigenem Haus die eigne Burg“ verteidige.446 Wie häufig in der nationalsozialistischen
Industrieentwicklung befasste sich auch die saarpfälzische Landesplanung
mit der Frage, wie rationelle Massenerzeugung mit bodenständiger,
ländlicher Siedlungsweise in Einklang zu bringen sei. Die Praxis des mit eigenem
Heim und bescheidener Anbaufläche ausgestatteten Arbeiters in der industriellen
44' Christian Hallier, Vom Selbstbehauptungskampf des deutschen Volkstums im Elsaß und in
Lothringen 1918-1940, Frankreich gegen Europa, Nr. 10 (Berlin: DIS, 1940), 28, 48.
444 Hallier, „Elsässisches Volkstum“, 100.
445 Emst Jarmer, „Politische Zielsetzung und weltanschauliche Abgrenzung der Raumordnung“,
Raumforschung und Raumordnung (Okt. 1936); zit. nach Josef Umlauf, Zur Entwicklungsgeschichte
der Landesplanung und Raumordnung, Veröffentlichungen der Akademie für Raumforschung
und Landesplanung (Hannover: Vincentz, 1986), 6-7, cf. 5.
446 Raumer, „Französische Rhein- und Saarpolitik“, 251.
250