immer wieder die sich gleichbleibenden rassischen Züge des fremden Volkstums
durchschimmerten, kennenlernen“. Während in der Sowjetunion deutsche Einsatzgruppen
Juden zu Hunderttausenden ermordeten, lamentierte Bertram über
den Objektverlust für den antisemitischen Anschauungsunterricht:
„Wir kennen den Juden noch aus eigener Anschauung. Unseren Kindern und Kindeskindern
wird das nicht mehr möglich sein. Aber auch sie sollen von der volksschädlichen
Wirkung des Judentums erfahren. Man bedauert fast, daß sie nicht
mehr sehen können, welche Prachtgebäude von Synagogen sich auch kleine
Judengemeinden in den Städten errichteten [...].“
Zynischer lässt sich die nationalsozialistische Vernichtung jüdischer Kultur wohl
kaum verurteilen. Bertram begrüßte, dass durch einen Erlass Straßen- oder Gebäudebezeichnungen,
die auf frühere Judenviertel hinwiesen, „aus geschichtlichen
Gründen erhalten“ blieben. Damit „möglichst viele Einzelheiten aus der Zeit des
emporkommenden und regierenden Judentums“ überliefert würden, müsse die
Volkskunde „lebendige Schilderungen über die Wirksamkeit der Juden, [...] besonderes
auf den Dörfern“ aufzeichnen.42’ Außer in ihrer mörderischen Auswirkung
entsprach Bertrams Wissenschaftsethos derjenigen der SS-Anatomen August Hirt
und Bruno Beger, die 1943/44 an der Reichsuniversität Straßburg eine jüdische
Schädel- und Skelettsammlung aus im Konzentrationslager Auschwitz eigens ausgesuchten
und in Natzweiler-Struthof ermordeten Häftlingen aufbauten, um die
rassentypischen Knochen von Jüdisch-bolschewistischen Kommissaren, die ein
widerliches aber charakteristisches Untermenschentum“ verkörperten, der wissenschaftlichen
Nachwelt zu erhalten.42* Bertrams Antisemitismus war extremistischer
als der anderer Gaujudenforscher, was unter anderem im nationalistischen und
dadurch Minderheiten ausschließenden Konzept der deutschen Volkskunde und in
ihrer scharfen Frontstellung gegen die jüdische Kultur begründet liegt;424 auch der
Volkskundler Christmann verstieg sich zu Ausfällen gegen das Judentum.440
Bertrams Judenhass schlug auf seine Alltagswahrnehmung durch: „Neulich sah
4~ ADM, 1W240: [Bertram] „Vom Judentum in der Westmark“, 1-2; cf. ADM, 1W248: Otto
Bertram, „Judenfreie Städte / In der Westmark“, Metzer Zeitung (23.9.1941).
4'K Zit. nach Kater, Ahnenerbe, 245, cf. 246-55; Edouard Conte, Cornelia Essner, La quete de la
race: Une anthropologie du nazisme (Paris: Hachette, 1995), 233-34.
Christoph Daxelmüller, „Volkskunde - eine antisemitische Wissenschaft?“ Conditio Judaica:
Judentum, Antisemitismus und deutschsprachige Literatur: Interdisziplinäres Symposium der
Werner-Reimers-Stiftung Bad Homburg v. d. H. T. 3: Vom Ersten Weltkrieg bis 1933/1938, Hg.
Hans Otto Horch, Horst Denkler (Tübingen: Niemeyer, 1993), 190-226, hier 196, cf. 201-13;
Christoph Daxelmüller, „Die deutschsprachige Volkskunde und die Juden: Zur Geschichte und
den Folgen einer kulturellen Ausklammerung“, Zeitschrift für Volkskunde, 83 (1987), 1-20,
hier 4-5.
430 Emst Christmann, „Die , Pfälzer1 in Galizien“, Ruf des Ostens: Jahrbuch der Hauptabteilung
Wanderungsforschung und Sippenkunde des Deutschen Ausland-Instituts, 5 (1940), 121-35; zit.
nach: Joachim Heinz, „ Bleibe im Lande und nähre dich redlich!“ Zur Geschichte der pfälzischen
Auswanderung vom Ende des 17. bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts, Beiträge zur pfälzischen
Geschichte, 1 (Kaiserslautern: Inst. f. pfälz. Gesch. u. Volksk., 1989), 252.
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