Full text: Volk, Reich und Westgrenze

1932, wurde aber im Dezember wieder aus der Mitgliederkartei gestrichen.302 
Über Christmanns Gründe für diese Schritte kann man nur spekulieren. Die natio¬ 
nalsozialistischen Wahlkampagnen, besonders die eindrucksvoll inszenierte 
„Pfalzfahrt“ im Juli 1932, und die Wahlerfolge des Sommers hatten ihm den Ein¬ 
tritt in eine Partei erleichtert, deren national- und kulturpolitische Ziele er selbst 
verfolgte. Aber im Dezember 1932 bot die NSDAP ein deutlich weniger 
überzeugendes Bild.303 In jenem Herbst wendeten sich viele Anhänger enttäuscht 
von ihr ab. Abspaltungen von und Austritte aus der NSDAP stiegen an. Bei der 
Reichstagswahl vom 6. November verlor die NSDAP fast 2 Millionen Stimmen; 
bei den Gemeinderatswahlen im „Trutzgau des Führers“ Thüringen am 4. Dezem¬ 
ber 1932 sprangen den Nationalsozialisten sogar 40 Prozent der Wähler aus dem 
Juli ab. Die NSDAP war in der größten Krise seit Hitlers Festungshaft: „Der 
faschistische Erfolgsnimbus war zerstört“.304 Das mochte Christmann am Sinn 
seines Parteieintritts zweifeln lassen. Zudem ist es möglich, dass der Staatsdiener 
seiner Parteiaufnahme aus Furcht vor beruflichen Konsequenzen auswich. Seinen 
Wankelmut aus dem Dezember 1932 machte er erst 1937 durch den Wiedereintritt 
in die NSDAP wett.'05 
Christmann hatte es nicht nötig, „um der Karriere Willen [...] lautstark ins ideolo¬ 
gische Horn“ zu stoßen, wie es noch Michael Bauer meinte.306 Herbert Schwedt 
betonte vielmehr, dass Christmann aus eigener Kraft zu viel erreicht habe, um sich 
der nationalsozialistischen Ideologie aus reinem Opportunismus anzuschließen, und 
bescheinigte ihm einen rigiden Nationalismus, der in seinem Denken stabil geblie¬ 
ben sei und seine volkskundliche Arbeit mitgeprägt habe.'07 Christmann gefiel 
nicht alles am Nationalsozialismus, aber viele Nationalsozialisten hatten irgend¬ 
wann einmal Vorbehalte gegen gewisse Maßnahmen des Regimes. Irritiert war 
Christmann von der nationalsozialistischen Diffamierung von Mundart als land¬ 
schaftlichem Partikularismus oder von Karl dem Großen als „Sachsenschlächter“.308 
’°2 BDC, Christmann: Mg.-Nr. 1 349 027 v. 1.10.1932. Hesse, Professoren, 219 übersah den 
schnellen Aus- und späteren Wiedereintritt. Die regionale NSDAP-Geschichte (Fenske, 
„Pfälzische NSDAP“, 356) bietet keine Erklärung für Christmanns Austritt. 
303 Fenske, „Aufmarsch“, 19. 
104 Manfred Weißbecker, „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) 1919-1945 
(1919/20 Deutsche Arbeiterpartei [DAP])“, Lexikon zur Parteiengeschichte: Die bürgerlichen 
und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945), Hg. Dieter Fricke 
[et al.], Geschichte der bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände (Leipzig: 
Bibliogr. Inst., 1985), 3: 460-523, hier 492. 
305 BDC, Christmann: Seine NS-Mg.-Nr. war jetzt 4 930 875. 
306 Bauer, „Kölsch“, 48. 
’°7 Schwedt, „Christmann“, 156-57 kannte nicht die BDC-Akte Christmanns, weshalb ihm 
dessen Parteinahme für den NS vor der Machtübernahme verborgen blieb. Er wertete nur die 
im IpGV einliegenden Unterlagen des Spl aus, die nach dem Krieg allem Anschein nach aus¬ 
giebig gesäubert worden sind. 
4,8 HMP, G/Besprechungsbelege, Christmann allg.: Christmann an Martin v. 2.2.1942; HMP, 
G/Schriftverkehr 1944, Christmann Aufsätze: Christmann an Rehanek (Schriftleiter MZ am 
Abend in Saarbrücken) v. 8.5.1943; cf. Faulenbach, „Tendenzen“, 38. 
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