Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Machtkampf  in  der  Gesellschaft
Zwischen  dem  Präsidenten  und  dem  Generalsekretär  der  PGFW  schwelte  seit
einiger  Zeit  ein  Hader  um  die  Leitung  der  PGFW.  Mit  der  Unterstützungsverweigerung
  Emrichs  im  Sommer  1937  flammte  der  Streit  erneut  auf  und  führte  zum
Rücktritt  Roth-Lutras  von  seinen  Ämtern  in  der  PGFW  und  im  Saarpfälzischen
Institut.  Emrich  entledigte  sich  Roth-Lutras,  der  ihm  die  Führung  der  Gauwissenschaften
  und  die  Präsidentschaft  über  die  PGFW  neidete.
Roth-Lutra  hatte  nur  wenig  später  als  Emrich  zur  NSDAP  gefunden.  Wie  Emrich
hatte  er  sich  vor  der  Machtergreifung  in  der  regionalen  Kulturpolitik  engagiert
und  sich  als  den  Gaubeauftragten  für  Wissenschaftsfragen  betrachtet.279  1933  aber
war  Emrich  vermöge  seiner  persönlichen  Beziehungen  zum  Gaukulturamt  zum
Gaufachberater  für  Wissenschaften  und  zum  Präsidenten  der  PGFW  aufgestiegen,
Roth-Lutra  mit  dem  Generalsekretärsposten  abgespeist  worden.  Von  der  Patronage
  Emrichs  vor  den  Kopf  gestoßen,  suchte  Roth-Lutra  die  Revanche  und  redete
in  die  wissenschaftliche  Leitung  hinein.  Die  berufliche  Nähe  des  Rivalen  fiel
Emrich  bald  lästig.
Emrich  lehnte  den  Stil  und  die  Person  Roth-Lutras  ab.  Dessen  fachliche  Leistung
nahm  er  ohnehin  nicht  ernst.  Ob  Emrich  die  Rassenanthropologie  allgemein  ablehnte,
  ist  damit  nicht  gesagt;  mit  Sicherheit  billigte  er  die  nationalsozialistische
Rassenideologie.  Gegen  die  Forschungen  Roth-Lutras  hatte  er  jedoch  wissenschaftliche
  und  finanzielle  Reserven.  In  einem  öffentlichen  Zwischenbericht  kanzelte
Emrich  im  April  1937  die  rassenkundliche  Abteilung  Roth-Lutras  mit  zwei  nichts
sagenden  Sätzen  ab.280  In  den  Institutssitzungen  warf  er  der  Abteilung  über  Gebühr
hohe  Kosten  vor.  Roth-Lutras  Anträge  wurden  verschleppt.  Emrichs  Inkulanz
wurde  sogar  vom  bayerischen  Kultusministerium  bemerkt.  Roth-Lutra  wehrte  sich
gegen  die  Herabsetzung  seiner  Arbeit  und  hielt  Emrich  ein  liberales  Wissenschaftsverständnis
  vor.  Im  Sommer  1937  musste  er  jedoch  erkennen,  dass  Emrich  die
rassenkundliche  Abteilung  samt  ihres  Mitarbeiterstabes  zerschlagen  wollte.2X1
Erst  recht  wurde  Roth-Lutra  als  Generalsekretär  der  PGFW  beschnitten.  Hier  war
ihm  Johannes  Postius  als  Statthalter  Emrichs  und  als  faktischer  Bürovorstand
nicht  nur  des  Saarpfälzischen  Instituts,  sondern  auch  der  PGFW  vorgesetzt  worden.
Von  seinem  Dienstzimmer  aus  hörte  Postius  die  Telefongespräche  des  Institutes
ab.  Der  Generalsekretär  Roth-Lutra  durfte  sich  schon  glücklich  schätzen,  wenn  er
nachträglich  den  Schriftwechsel  der  PGFW  zu  Gesicht  bekam.  Verwaltungs-Wissenschaft

  und  Wissenschaftler  im  NS-Staat,  Hg.  Renate  Knigge-Tesche  (Frankfurt,  M.:
Anabas,  1999),  117.
79  HMP,  G/Briefwechsel  1936-37:  Roth-Lutra  an  Emrich  v.  1.7.1937,  12.
811  HMP,  G/Institutssitzungen:  Emrich,  „Wissenschaftliche  Arbeit  im  Gau  NSZ  Rheinfront
(1.4.1937).
81  HMP,  G/Briefwechsel  1936-37:  Roth-Lutra  an  Emrich  v.  1.7.1937,  3,  5,  1  1;  cf.  v.  8.7.1937,
3,  5-7.  BayHStA,  MK  15552:  BayKM  [Fischer]  an  Emrich  v.  4.5.1937;  Fr.  Christmann,
Emrich,  Sitzung  der  PGFW  am  30.6.1938  [3].

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