persönlich kannte,275 interessierte sich für seine Messungen. Ein anderer Institutsprofessor,
der „Rassendaktyloskop“ Georg Geipel, bat Roth-Lutra, ihm von jeder
untersuchten Familie die Längen- und Breitenmaße der Köpfe mitzuteilen und
empfahl zur Messgenauigkeit „an jedem Muster [s/'c] mehrfache Bestimmungen
vorzunehmen“.274 Im Frühjahr 1937 schickte sich Roth-Lutra an, seine Untersuchungen
„zunächst“ auf die ganze Pfalz auszudehnen,2 ' denn mit den Kaiserslauterer
Resultaten habe er „weder bekannte Erkenntnisse stofflich erhärtet noch neue
erbkundliche Folgerungen begründet erschlossen“. Seinem Ergebnismangel
wollte Roth-Lutra durch eine neue Verfahrensweise abhelfen.276 Das durch eine
weitest gehende Erfassung erbrachte „anthropologisch-erbbiologisch-soziologische[...]
Gesamtbild“ würde der Mischlingsuntersuchung ,praktische Bedeutung“
verleihen. Mit der praktischen Bedeutung meinte Roth-Lutra gewiss die Erfassung
eines großen Teils der pfälzischen Familien, die mit der genetischen Veranlagung
zur Rassenmischung belastet seien. Für die restliche Pfalz rechnete er mit weiteren
90 Familien. Doch Emrich verweigerte ihm die nötigen zusätzlichen Mittel. Ende
Juni 1937 musste Roth-Lutra die Pfälzer Mischlingsuntersuchungen einstellen.277
Seine Rassenuntersuchungen, deren Erkenntnismangel Roth-Lutra selbst zugeben
musste, sah er im Zusammenhang mit der antinatalistischen Rassenpolitik der
Nationalsozialisten, der er konkret bei der behördlichen Ermittlung der Mischlingskinder
zuarbeitete. Ob sich an die anthropometrischen Untersuchungen Roth-Lutras
direkt die Sterilisation der farbigen Kinder und Jugendlichen Kaiserslauterns
anschloss, ist aus den Quellen nicht ersichtlich. Allem Anschein nach
lieferten seine Expertisen von der erbbiologischen Minderwertigkeit der Kinder
(und der Mütter!), dem städtischen Gesundheitsamt die wissenschaftliche Grundlage
für eine Verfolgung nach dem Erbgesundheitsgesetz. Bei der engen Verbindung
Roth-Lutras zum Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie ist ferner davon
auszugehen, dass seine Daten im Gestapoamt in Berlin von Fischer, Wolfgang
Abel und anderen für ihre kriminellen Sterilisierungsgutachten zu den Mischlingskindern2
* herangezogen wurden.
2 ' HMP, G/Briefwechsel 1936-37: Roth-Lutra an Geipel (Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie,
menschliche Erblehre und Eugenik) v. 12.4.1937.
2 4 HMP, G/Briefwechsel 1936-37: Geipel an Roth-Lutra v. 14.4.1937; cf. Roth-Lutra an
Geipel v. 12.4.1937; Benoît Massin, „Rasse und Vererbung als Beruf: Die Hauptforschungsrichtungen
am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik
im Nationalsozialismus“, Rassenforschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten vor und nach ¡933,
Hg. Hans-Walter Schmuhl, Übs. Barbara Hahn, Bearb. Hans-Walter Schmuhl, Geschichte der
Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus, 4 (Göttingen: Wallstein, 2003), 190-244,
hier 208-09.
272 HMP, G/Briefwechsel 1936-37: Roth-Lutra an Emrich v. 18.3.1937, 1.
276 HMP, G/Briefwechsel 1936-37: Roth-Lutra an [Emrich] v. 21.6.1937.
27 HMP, G/Briefwechsel 1936-37: Roth-Lutra an Emrich v. 18.3.1937, 5; cf. Roth-Lutra an
Emrich v. 8.7.1937, 4-5, Emrich an Roth-Lutra v. 19.3.1937.
278 Proctor, Racial Hygiene, 112-14; cf. Hans-Peter Kröner, „Von der Eugenik zur NS-Rassenhygiene:
Zur politischen Schuld der Medizin im ,Dritten Reich“1, Berater der braunen Macht;
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