Roth-Lutra stellte eine weibliche Hilfskraft ein, die biometrisch-statistische Arbeiten
erledigte, soziologische Erhebungen vornahm und bei der Ganzkörperuntersuchung
half. Seine Assistentin wirkte „vermittels ihres Vertrautseins mit
den seelischen Unwägbarkeiten“ beruhigend auf die einbestellten Familien ein:
„Jede Vorladung löst nämlich bei Gruppen von Mischlingsmüttern ein und desselben
Wohnsitzes eine gewisse Unruhe aus, deren Überwindung nur durch zeitraubende
Aufklärung möglich ist.“268 Die Aufregung der vorgeladenen Familien
war nicht unbegründet. Im selben Jahr 1937 entschied die Reichskanzlei, die afrikanisch-europäischen
Kinder ohne gesetzliche Grundlage zwangssterilisieren zu
lassen, was von den bei Anträgen auf Unfruchtbarmachung nicht eben zurückhaltenden
Gesundheitsämtern durchgeführt wurde.269 270 Die „ganz harmlose anthropologische
Untersuchung“ war der Schleichpfad, auf dem die nationalsozialistische
Rassenpolitik das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das keine
Zwangssterilisierung aus rassistischen Gründen vorsah, umging, um den illegalen
Eingriff durch „die erbliche Beschaffenheit“ der Mulatten zu legitimieren. " Wie
im folgenden Beispiel eines Farbigen aus Köln mündete die Körperuntersuchung
oft unmittelbar in die Unfruchtbarmachung:
« Karl reçut une convocation pour une visite médicale à l’hôpital du Saint-Esprit. 11
fit la queue avec quatre ou cinq de ses semblables qu’il vit pour la première fois.
L’inquiétude les réduisait au silence, à peine se saluèrent-ils. Karl fut appelé le
second. Un médecin au regard absent le fit se déshabiller. Un infirmier le mesura
sous tous les angles, préleva une goutte de son sang, inscrivit beaucoup de mots sur
de grandes fiches rectangulaires. Puis on le conduisit tout nu dans une salle voisine
où on lui fit signer une feuille dactylographiée qu’il n’eut pas le temps de lire. Une
autre salle, une table couverte de linges blancs sur laquelle on le fit grimper. On
l’endormit, il se réveilla dans une salle commune, des pansements autour des reins.
Dans les lits voisins se réveillaient les garçons qui avaient attendu avec lui. >>271
Die akademische Zentrale bei der medizinischen Begründung der Mischlingssterilisierung,
das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre
und Eugenik in Berlin-Dahlem,2 dessen Leiter Eugen Fischer Roth-Lutra
HMP, G/Briefwechsel 1936-37: Roth-Lutra an Emrich v. 8.7.1937, 4, cf. v. 1.7.1937, 3, v.
18.3.1937, 3; BayHStA, MK 15552: [Roth-Lutra u.] Emrich, Sitzung des Verwaltungsausschusses
des Spl am 22.6.1937, 12, 3.
269 Benno Müller-Hill, Tödliche Wissenschaft: Die Aussonderung von Juden. Zigeunern und
Geisteskranken 1933-1945, Lizenzausg. Reinbek 1984 (Berlin: Volk u. Gesundheit, 1989), 34-35;
Neumüller, „Erbgesundheitssachen“, 262.
270 H. F. K. Günther, zit. nach Weisenburger, „Rassepapst“, 186; cf. Sheila Faith Weiss, „The
Race Hygiene Movement in Germany“, Osiris 2nJ ser., 3 (1987), 193-236, hier 229; Martin
Urban, „Die Hintermänner der Mörder: Wie ein Netzwerk deutscher Spitzenforscher die
wissenschaftliche Begründung für Rassismus und Euthanasie lieferte“, Süddeutsche Zeitung
(24.10.2000).
~ 1 Rovan, Contes de Dachau, 159 überlieferte die Vorladung seines Dachauer Mithäftlings
Karl Bethmann aus dem Jahre 1938; cf. Panzacchi, „Kinder“, 104-05.
Schmuhl, Grenzüberschreitungen, 299.
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