Full text : Volk, Reich und Westgrenze

mit  seinen  wissenschaftlichen  Untersuchungen  nicht  vorgreifen  wollte,  weist
seine  Zusammenarbeit  mit  dem  Gesundheitsamt  auf  sein  Einverständnis  mit  der
Sterilisierung  hin.264
Roth-Lutra  plante,  die  „Bastarde“  möglichst  vollständig  zu  erfassen,  um  den  Erbgang
  entscheidender  Rassenmerkmale  ermitteln  zu  können.  Für  die  Untersuchung
der  Mischlinge  Kaiserslauterns  bediente  er  sich  des  örtlichen  Gesundheitsamtes
und  ließ  die  Soldatenkinder  und  ihre  Mütter,  gegebenenfalls  auch  die  Geschwister
amtlich  vorladen.  Im  Anschluss  an  das  Gesetz  zur  Verhütung  erbkranken  Nachwuchses
  bauten  die  Gesundheitsämter  „Erbarchive“  und  „Erbkarteien“  auf,265  zu
denen  Roth-Lutras  Untersuchungen  beitrugen.  Er  nahm  die  anthropometrischen
Daten  von  Schädel,  Gesicht,  Händen  und  Fingern  der  Kinder  und  ihrer  Angehörigen
  auf  und  fotografierte  die  Untersuchten.  Durch  die  erbbiologische  Bestandsaufnahme
  „jener  deutschen  Sippen,  die  die  Mischlingsmütter  stellten“,  versuchte
er  „den  tatsächlich  entstandenen  Schaden“  zu  ermitteln,  der  dem  deutschen
„Volkskörper  durch  die  Rassenkreuzung“  entstanden  sei.266  Da  Roth-Lutra  wie  ein
Großteil  der  NS-Eugeniker  davon  ausging,  dass  Frauen,  die  mit  Farbigen  geschlechtlich
  verkehrten,  grundsätzlich  in  ihrer  moralischen  und  sozialen  Veranlagung
  hereditär  beeinträchtigt  seien,  schätzte  er  den  Gesamtschaden  am  Erbmaterial
  des  Volkskörpers  gering  ein.267  Aus  dieser  Haltung  sprach  nicht  nur  die
Klassenüberheblichkeit  der  elitären  Bildungsschicht,  sondern  ebenso  sehr  der
destruktive  Wille,  die  ganze  Gesellschaft  nach  rassistischen  Definitionen  horizontal
  zu  hierarchisieren  und  die  rassistisch  verfolgten  Gruppen  und  ihre  untersten
sozialen  Schichten  auszusondern.  Da  „asoziales  Verhalten“  im  Nationalsozialismus
  ohnedies  als  vererbbar  angesehen  wurde,  deckten  sich  bei  Roth-Lutra
ethnischer  und  sozialer  Rassismus.

264  HMP,  G/Briefwechsel  1936-37:  Roth-Lutra  an  Emrich  v.  18.3.1937,  2;  cf.  Johannes  Vossen,
Gesundheitsämter  im  Nationalsozialismus:  Rassenhygiene  und  offene  Gesundheitsfürsorge  in
Westfalen  1900-1950,  Düsseldorfer  Schriften  zur  Neueren  Landesgeschichte  und  zur  Geschichte
  Nordrhein-Westfalens,  56  (Essen:  Klartext,  2001).  Generell  liegen  zur  Rolle  der  staatlichen
Gesundheitsämter  im  NS  kaum  Studien  vor;  Gerhard  Baader,  „[Besprechung]  Johannes  Vossen,
Gesundheitsämter  im  Nationalsozialismus:  Rassenhygiene  und  offene  Gesundheitsfürsorge  in
Westfalen  1900-1950  (2001)“,  Rheinische  Vierteljahrsblätter,  67  (2003),  430-33,  hier  431.
"ft:>  Die  Überlieferung  des  Staatlichen  Gesundheitsamtes  Kaiserslautern  war  weder  im  LA
Speyer  noch  im  StdA  Kaiserslautern  zu  finden;  LASp  (Schindlmayr)  an  den  Verf.  v.
23.12.1999,  Dieter  Kämmer  (StdAKl)  an  den  Verf  v.  7.12.1999.  Manfred  Vasold,  „Medizin“,
Enzyklopädie  des  Nationalsozialismus,  Hg.  Wolfgang  Benz,  Hermann  Grami,  Hermann  Weiß,
2.  Äufl.  (München:  dtv,  1998),  235-50,  hier  241.
2h('  HMP,  G/Briefwechsel  1936-37:  Roth-Lutra  an  Emrich  v.  18.3.1937,  1-2,  cf  4.
267  Schmuhl,  Grenzüberschreitungen,  292,  295;  Elvira  Weisenburger,  „Der  ,Rassepapst4:  Hans
Friedrich  Karl  Günther,  Professor  für  Rassenkunde“,  Die  Führer  der  Provinz:  NS-Biographien
aus  Baden  und  Württemberg,  Hg.  Michael  Kißener,  Joachim  Scholtyseck,  Karlsruher  Beiträge  zur
Geschichte  des  Nationalsozialismus,  2  (Konstanz:  UVK,  1997),  161-99,  hier  185-87;  Uwe
Hoßfeld,  „Die  Jenaer  Jahre  des  ,Rasse-Günther4  von  1930  bis  1935:  Zur  Gründung  des  Lehrstuhls
für  Sozialanthropologie  an  der  Universität  Jena“,  Medizinhistorisches  Journal,  34  (1999),  47-103;
Peter  Weingart,  Jürgen  Kroll,  Kurt  Bayertz,  Rasse,  Blut  und  Gene:  Geschichte  der  Eugenik  und
Rassenhygiene  in  Deutschland(Frankfurt,  M.:  Suhrkamp,  1988),  463.

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