Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Kauf.  Um  den  Erwerb  zu  beschleunigen,  warnte  Sievers  vor  einem  Verlust  der
dem  Gollenstein  eingeritzten  Symbole,  wobei  er  die  Kirche  verdächtigte,  heidnische
  Erinnerungen  vernichten  zu  wollen.  Von  der  kirchenfeindlichen  Auffassung
der  SS  unbeeindruckt,  erinnerte  der  saarländische  Konservator  Josef  Keller  daran,
dass  sich  die  mittelalterliche  Kirche  durch  die  symbolische  Aneignung  des  Gollensteins
  bewusst  in  die  religiöse  Tradition  des  Ortes  gestellt  und  die  heidnische
Heiligkeit  christlich  weitergeführt  habe.209
In  einem  Gutachten  versuchte  sich  Sievers  an  der  Etymologie  des  Gollenstein.
Die  ersten  Namensbelege  Guldenstein  und  Güldenstein  las  er  richtig  als  „Goldenstein“.
  Abwegig  war  jedoch  seine  Ableitung  des  Wortes  Gold  vom  germanischen
Wort  für  Opfer.  Sievers  glaubte,  dass  am  Gollenstein  Abgaben  für  die  germanischen
  Götter  erbracht  worden  seien,  und  hielt  Hinkelsteine  für  Überreste  alter
Thingplatzsäulen,  für  frühere  Gerichtsbäume,  an  welchen  bis  in  die  Neuzeit
Übeltäter  und  Rechtsbrecher  gerichtet  worden  seien.  Für  Sievers  waren  sie  germanische
  Wahrzeichen  für  den  göttlichen  Schutz  über  Recht,  Rechtsprechung  und
Gerichtsstätte.  Mit  germanischem  Rechtsempfinden  verpackte  das  Ahnenerbe  das
Geschenk,  das  sich  Himmler  selber  machte.210
Nicht  nur  Sievers’  Interpretation  von  Gollenstein  gingen  ebenfalls  in  die  Irre.
1925/26  hatte  Albert  Beckerden  Namen  als  Spindelstein  erklärt.211  Hiervon  rückte
Becker  zwar  1932  ab  und  verwies  auf  einen  Zusammenhang  mit  vorchristlichen
Steinkulten,  enthielt  sich  aber  einer  neuen  Namensdeutung.212  Christmann,  der  die
Interpretationen  Beckers,  aber  wohl  nicht  die  neuheidnische  Lesart  des  Ahnenerbes
  kannte,  lehnte  die  Erklärung  „Goldstein“  als  Volksetymologie  ab,  enthielt
sich  aber  ebenfalls  germanentümelnder  Bezüge.  In  der  Hoffnung,  den  saarpfälzischen
  Raum  direkt  an  die  römische  Antike  anbinden  zu  können,  was  im  Nationalsozialismus
  nicht  unbedingt  opportun  war,  leitete  er  den  Namen,  mundartlich
„Gollesteen“,  von  co/w.v-Stein  ab,  dem  lateinischen  Wort  für  Spindel,  was  er
durch  die  vielfache  Spindel-Bezeichnung  umliegender  Hinkelsteine  bestätigt
glaubte.213  Christmann  übersah  freilich,  dass  in  den  romanischen  Sprachen  nicht
lat.  colus,  sondern  ein  Diminutiv  colucula  fortgesetzt  worden  war,  und  dass  im

209  Josef  Keller,  „Vor-  und  frühgeschichtliche  Betrachtungen  über  das  Saarland“,  Völkische
Wissenschaft  [1]  (1934),  186;  cf.  Albert  Becker,  „Gollenstein  und  Brunholdisstuhl“,  Germanien
  (1934),  81-82.
~l(l  BABL,  NS21/705:  Sievers  an  Galke  v.  29.5.1936.  Wolfgang  Haubrichs  an  den  Verf.  v.
13.4.2000;  ich  danke  Herrn  Prof.  Dr.  Haubrichs  und  dem  „Archiv  für  Siedlungs-  und  Flurnamen
des  Saarlandes  und  des  germanophonen  Lothringen  (ASFSL)“  für  die  Flumamendeutung.
211  Albert  Becker,  „Zum  Namen  des  Gollensteins“,  Zeitschrift  des  Vereins  für  rheinische  und
westfälische  Volkskunde,  23  (1926),  137-38.
"12  Albert  Becker,  „Der  Gollenstein  bei  Blieskastel:  Deutungsversuch  und  Umfrage“,  Rheinische
  Vierteljahrsblätter,  2  (1932),  207-15,  hier  207-10.
1'  Emst  Christmann,  „Der  Name  des  Gollensteins  bei  Blieskastel“,  Westmärkische  Abhandlungen
  zur  Landes-  und  Volksforschung,  4  (1940),  277-81;  cf.  id.,  „Kriemhild  und  die  Kriemhildensteine
  im  Gau  Westmark:  Auch  ein  Beitrag  zur  Nibelungenforschung“,  Oberdeutsche  Zeitschrift
für  Volkskunde,  14  (1940),  5-10.

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