Full text : Volk, Reich und Westgrenze

in  mancher  Hinsicht  in  ganz  Deutschland  damit  vergleichen“  lasse.202  Teudts
Hypothese  wurde  von  einer  Reihe  gewagter  und  widersprüchlicher  Argumente
getragen:  Als  Mittelpunkt  des  germanischen  Heiligtums  habe  ein  Steinturm,  ein
„Wal“  für  Signalfeuer  und  zur  astronomischen  Berechnung  just  an  der  Stelle
gestanden,  die  vom  Steinbruch  unterhöhlt  worden  sei.  Teudt  vermutete,  dass  die
christliche  Kirche  des  Mittelalters  den  Steinturms  absichtlich  habe  abstürzen
lassen.203  1934  begrüßte  die  nationalsozialistische  Presse  Spraters  Fund  eines
ersten  behauenen  Steinbruchquaders  als  oberste  Steinstufe  einer  Treppe,  die  hinab
zum  unterirdischen  Heiligtum  führe.  Quader  tauchten  bei  den  Ausgrabungen  noch
viele  auf,  nur  bildeten  sie  keine  Steintreppe.
Die  SS  sah  sich  genötigt,  1937  selbst  nach  der  Felsengrotte  und  dem  astronomischen
  Ortungssystem  zu  suchen.  Bis  April  1938  legte  sie  einen  weiteren  Teil  der
Steinbruchwand  bis  zur  Felsensohle  frei,  fand  aber  weder  himmelskundliche
Felszeichnungen,  noch  ein  unterirdisches  Heiligtum.204  Am  Ende  konnte  man
nicht  mehr  verbuchen  als  eine  weitere  Zeichnung  eines  Pferdekopfes  und  ein
linksdrehendes  Hakenkreuz.  Der  in  der  Heidenmauer  nahe  des  Felsabsturzes  freigelegte
  Mauerdurchlass  brachte  ebenso  wenig  den  ersehnten  Nachweis  für
„außergewöhnliche  Zusammenhänge  zwischen  dem  Burgwall  und  dem  Felsen  vor
seiner  Ostecke“.205 206  Die  SS-Ausgrabungen  an  Kriemhildenstuhl  und  Heidenmauer
wurden  zu  Kriegsbeginn  unterbrochen  und  nicht  mehr  aufgenommen.  Germanische
  Ortungssysteme  am  Kriemhildenstuhl  waren  reines  Wunschdenken.2110  Der
SS-Griff  nach  den  Sternen  der  Ahnen  ging  ins  Leere.
Kriemhildenstuhl  und  Heidenmauer  waren  nicht  die  einzigen  vor-  und  frühgeschichtlichen
  Kulturdenkmäler  in  der  Saarpfalz,  die  die  Begehrlichkeit  des
Reichsführers  SS  weckten.  1937  erwarb  Himmler  für  die  SS  den  Gollenstein  bei
Blieskastel,  einen  über  fünfeinhalb  Meter  hohen  Menhir,  den  er  für  eine  vorgeschichtliche
  germanische  Kultstätte  hielt.  Bei  einem  Besuch  in  Blieskastel  Ende
1935  war  Himmler  vom  Gollenstein  so  beeindruckt,  dass  er  umgehend  den
lokalen  SS-Sturm  zu  dessem  Schutz  abstellte.207 *  Im  April  1936  schickte  er  SS-Hauptsturmführer
  Bruno  Galke  aus  seiner  Chefadjutantur  zu  Kaufverhandlungen
in  die  Saarpfalz.20H  Ahnenerbe-Geschäftsflihrer  Wolfram  Sievers  befürwortete  den

202  Christmann,  „.Kriemhildenstuhl1,  nicht  ,Brunholdisstuhl‘“,  318;  cf.  Ernst  Christmann,  „Alte
Dingstätten  im  Gau  Saarpfalz“,  Germanen-Erbe,  4  (1939),  H.  2,  37-42.
203  Cf.  Teudts  Kap.  „Der  Zerstörer  der  Heiligtümer:  Karl,  Westfrankenkönig,  römischer
Kaiser“,  Germanische  Heiligtümer,  319-49.
204  Schleif,  „SS-Ausgrabungen“,  291.
205  Schleif,  „Zweiter  Vorbericht“,  345,  cf.  340,  341  Abb.;  Sprater,  Limburg,  33-37,  50.
206  Sprater,  Limburg,  37,  62-64;  cf.  BABL,  NS21/62:  RAD-Führer  XXXII  an  RFSS  v.
14.10.1941,  RAD-Führer  XXXII  an  Ahnenerbe  v.  20.11.1941.
207  BABL,  NS21/705:  Kolb  (Bürgermeister  Blieskastel)  an  RFSS  v.  7.4.1936.
20X  BABL,  NS21/705:  SS-Brigadeführer  [Karl]  Wolff  an  Galke  v.  22.4.1936;  cf.  Kater,  Ahnenerbe,,
  40,  65-66.

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