Das SS-Ahnenerbe wollte „die kultische Bedeutung des Berges“ im Sinne der nationalsozialistischen
Germanenideologie feststellen. Die Ausgrabungsmannschaft
untersuchte das Befestigungssystem der Heidenmauer und wies 50 Meter vor dem
Nordrand des Kriemhildenstuhls ein Tor im Ringwall nach. Am Fuß des Kriemhildenstuhls
fanden sich unter den Felszeichnungen einige Sonnenräder und ein
Hakenkreuz - willkommener Anlass für neudeutsche Deutungen.19 Daraus schloss
das Ahnenerbe auf Zusammenhänge „zwischen dem Ringwall bzw. einem vorgeschichtlich-germanischen
Heiligtum in seinem Ostteil und den gesichert germanischen
Felszeichnungen kultischer Vorbilder im ,Kriemhildenstuhl‘“ und brachte
den Grabungsplatz in Verbindung mit einer anderen SS-Forschungsstätte, den
Externsteinen bei Detmold, die man gleichfalls für ein germanisches Heiligtum
hielt. Vom Steinbruch des Kriemhildenstuhls erhoffte man eine die Felshöhlentheorie
der Externsteine bestätigende unterirdische Kultstätte* 198 und den Nachweis
eines germanischen astronomischen Systems. Als Sprater 1934 noch am Graben
war, versuchte sich der Nationalsozialist und Neuheide Professor Wilhelm
Teudt19' in der Völkischen Wissenschaft schon an einer Deutung. Bei Teudt wurde
der Kriemhildenstuhl zu einem „römisch-germanischen Steinbruch“ erweitert, da
seine Steine von „germanischen Werkleuten“ abgebaut und an die 22. römische
Legion in Mainz, die aus Germanen bestanden und das Hakenkreuz im Abzeichen
getragen habe, und an „germanische Auftraggeber“ geliefert worden seien. Teudt
schloss aus, dass die „Volksburg“ Heidenmauer jemals als Befestigungswerk oder
Fluchtburg gedient habe; sie sei zur astronomischen Bestimmung von Sonn- und
Mondwendzeiten und als Kultburg „in erster Linie zur Ehre der Gottheit errichtet“
worden.200 Auch Christmann wehte um Bad Dürkheim „vor- und frühgeschichtliche
Luft so reichlich und warm“201 an, dass er dem verführerischen Heidenglauben
aufsaß. Er vermutete, bei sich in der Pfalz eine „germanische Weihestätte“ zu
beheimaten, die über allem stehe, „was sich im südlichen Teil von Deutschland, ja
nalsozialismus: Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren
1933-1945, Hg. Achim Leube, Zsarb. Morten Hegewisch, Studien zur Wissenschafts- und
Universitätsgeschichte, 2 (Heidelberg: Synchron, 2002), 429-49.
197 Schleif, „SS-Ausgrabung“, 296; Sprater, Limburg, 50-59, Nr. 35, cf. 33; Prellwitz, „Altertumsverein“,
444.
198 Schleif, „SS-Ausgrabung“, 289; cf. Prügel, „SS-Ausgrabungen“, 484; Wilhelm Teudt,
„Heidenmauer und Brunholdisstuhl als germanisches Heiligtum“, Völkische Wissenschaft [1]
(1934), 117-23, hier 120-22.
199 Kater, Ahnenerbe, 54-55.
200 Teudt, „Heidenmauer“, 119, 118; cf. Wilhelm Teudt, Germanische Heiligtümer: Beiträge
zur Aufdeckung der Vorgeschichte, ausgehend von den Externsteinen, den Lippequellen und
der Teutoburg, 4., neu bearb. u. erw. Aufl. (Jena: Diederichs, 1936), 86-105; Uta Halle, „Die
Extemsteine - Symbol germanophiler Interpretation“, Prähistorie und Nationalsozialismus: Die
mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933-1945, Hg.
Achim Leube, Zsarb. Morten Hegewisch, Studien zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte,
2 (Heidelberg: Synchron, 2002), 235-53.
201 Christmann, „Kriemhildenstuhl, Brünhildenstuhl, Limburg“, 126.
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