Full text : Volk, Reich und Westgrenze

bis  auf  Professor  Silberschmidt,  der  schon  im  Juni  seine  Entlassung  als  Richter  am
Münchener  Oberlandesgericht  hatte  hinnehmen  müssen.107  Weder  die  Regierung  der
Pfalz  noch  das  bayerische  Kultusministerium  wollten  die  „Kränkung“  des  „Juden“
Silberschmidt  abwenden.108  Aber  Osthelder  konnte  die  ausgestrichenen  Mitglieder
nicht  retten.109  Nur  von  der  Entlassung  Ludovicis  wurde  abgesehen,  da  man  rechtzeitig
  erfahren  hatte,  dass  er  in  seinem  Testament  die  PGFW  mit  einer  stattlichen
Summe  bedacht  hatte.110  So  hell  klingende  Argumente  regten  auch  Nationalsozialisten
  zu  politischen  Neubewertungen  an.  Die  vor  1933  angestrebte  Aufnahme
des  Heidelberger  Historikers  Professor  Willy  Andreas  zum  korrespondierenden
Mitglied  der  PGFW  wurde  nicht  weiter  betrieben.  Er  war  für  die  Nationalsozialisten
politisch  nicht  tragbar.111
Die  PGFW  wurde  eine  Körperschaft  öffentlichen  Rechts  unter  der  Schirmherrschaft
des  Gauleiters  und  ihre  Satzung  „einheitlich  auf  den  Führergedanken  ausgerichtet“.
Um  einfacher  auf  sie  zugreifen  zu  können,  ließ  sie  die  pfälzische  Gauleitung  zu  sich
nach  Neustadt  verlegen.  Umzüge  pfälzischer  Kultureinrichtungen  nach  Neustadt
waren  in  jenen  Tagen  verbreitet."2  Sie  gingen  auf  Bürckels  Abneigung  gegen
Speyer  zurück,  welches  unter  den  vierzehn  größten  Städten  der  Pfalz  den  niedrigsten
NS-Organisationsgrad  hatte.1'1  In  Bürckels  Ohren  schallte  noch  die  Backpfeife

107  BayHStA,  MK  15551:  BayKM  an  Bassermann-Jordan  u.  an  Emrich  v.  13.7.1933.
108  Dr.  jur.  et  rer.  pol.  Wilhelm  Silberschmidt:  *  1862  Würzburg,  1908-33  Honorarprofessor  an
der  Univ.  München,  Vorsitzender  der  Tagung  des  Verbandes  Bayerischer  Israelitischer  Gemeinden,
  Richter  am  Bayerischen  Obersten  Landesgericht,  t  1939  München;  1942  wurde  Silberschmidts
  71-jährige  Witwe  in  das  KZ  Theresienstadt  verschleppt,  wo  sie  ums  Leben  kam;  im
selben  Jahr  wurden  zwei  seiner  Kinder  in  die  Vernichtungslager  nach  Polen  deportiert;  Horst
Göppinger,  Juristen  jüdischer  Abstammung  im  .,  Dritten  Reich“:  Entrechtung  und  Verfolgung,  2.,
völlig  neubearb.  Aufl.  (München:  Beck,  1990),  228-29,  259;  DBA  II,  1226:  210-12;  Walter
Tetzlaff,  2000  Kurzbiographien  bedeutender  deutscher  Juden  des  20.  Jahrhunderts  (Lindhorst:
Askania,  1982),  308;  Alfred  Werner,  „Jüdische  Juristen  in  München“,  Von  Juden  in  München:
Ein  Gedenkbuch,  Hg.  Hans  Lamm,  2.  Aufl.  (München:  Ner-Tamid,  1959),  256-61,  hier  258-59.
Die  Jubiläumsschrift,  70  Jahre  Pfälzische  Gesellschaft  zur  Förderung  der  Wissenschaften  1925-1995,
  Red.  Wolfgang  Eger  (Speyer:  PGFW,  1995),  65  gab  sich  wenig  Mühe,  das  von  der  PGFW
Silberschmidt  zugefügte  Unrecht  eventuell  durch  die  Aufklärung  seines  weiteren  Leidensweges
mildem  zu  wollen;  man  vermutete  über  Silberschmidt  lediglich  „t  nach  1932  wohl  München“.
109  BayHStA,  MK  15551:  Emrich  an  BayKM  v.  1.9.1933.
110  80  000  RM:  BayHStA,  MK  15551:  Osthelder  an  Minrat.  Wilhelm  Emnet  v.  6.7.1933;
BayKM  an  Bassermann-Jordan  u.  an  Emrich  v.  13.7.1933.
111  BayHStA,  MK  15551:  Bassermann-Jordan  an  BayKM  v.  4.8.1933,  Emrich  an  Mindir.  Fischer
(BayKM)  v.  14.12.1933,  Fischer  an  Emrich  v.  23.12.1933;  cf.  Christian  Jansen,  „Auf  dem  Mittelweg
  nach  rechts:  Akademische  Ideologie  und  Politik  zwischen  1914  und  1933“,  Auch  eine
Geschichte  der  Universität  Heidelberg,  Hg.  id.,  Karin  Buselmeier,  Dietrich  Harth  (Mannheim:
Quadrat,  1985),  187-89;  cf.  id.,  Professoren  und  Politik:  Politisches  Denken  und  Handeln  der
Heidelberger  Hochschullehrer  1914-1935,  Kritische  Studien  zur  Geschichtswissenschaft,  99
(Göttingen:  V&R,  1992),  163-93,  hier  235-36;  Jens  Prellwitz,  „Der  Mannheimer  Altertumsverein
im  Nationalsozialismus“,  Mannheimer  Geschichtsblätter  NF,  2  (1995),  405-60,  hier  437.
112  BayHStA,  MK  15551:  Emrich  an  BayKM  v.  1.9.1933,  cf.  Vorschlag  zur  personellen  Zusammensetzung
  der  PGFW,  cf.  Emrich  an  Fischer  v.  14.12.1933;  LASp,  H  3/8009,  f.  15:  Roth-Lutra,
  Sitzung  des  Spl-Verwaltungsausschuss  am  2.6.1936.
113  Hans-Joachim  Heinz,  ,„...  die  Reihen  fest  geschlossen4:  Organisationsgeschichtliche
Aspekte  der  pfälzischen  NSDAP  und  ihrer  Gliederungen“,  Die  Pfalz  unterm  Hakenkreuz:  Eine

192
            
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