Full text : Volk, Reich und Westgrenze

sich  hierzu  auch  die  Ergebnisse  der  Heimatvereine,  der  zur  Sippenkunde  geweiteten
  Familienforschung  und  der  Landesplanung  zunutze  zu  machen.  Die  zentrale
Zusammenfassung  und  einheitliche  Auswertung  habe  „aus  der  landschaftlichen
Bevölkerungsgeschichte  die  Volksgeschichte  zu  schaffen“.  Als  Beispiel  führte  er
die  politische  Haltung  der  Saarbevölkerung  in  der  Volksabstimmung  1935  an.  Für
„die  rassische  Beurteilung  und  Eingliederung  der  Gegenwart“  müsse  man  die
geschichtlichen  Entwicklung  der  saarländischen  Bevölkerung,  ihren  ständigen
„Menschenaustausch  mit  allen  deutschen  Volksgebieten“  und  die  „neue  Gemeinschaft“
  berücksichtigen,  die  „durch  gemeinsame  politische  Erlebnisse“  gebildet
worden  sei  und  „bewußt  die  enge  bluts-  und  schicksalsmäßige  Verbundenheit  mit
allen  Teilen  des  deutschen  Volkes“  erstrebe  und  pflege.  Die  Bedeutung  der
vorgermanischen  „ostischen“  Bevölkerung  des  Saarlandes,  ohnedies  keine  reinen
Kelten,  sondern  angeblich  keltisch-germanische  Mischstämme,  und  der  römischen
  Militär-  und  Zivilverwaltung  hielt  Hellwig  für  vernachlässigbar.  Sie  sei  von
der  germanischen  ,,nordische[n]“  Rasse  aufgesogen  worden,67’  welche  bis  ins
17.  Jahrhundert  keinen  tief  greifenden  Bevölkerungswandel  erfahren  habe.
Dreißigjähriger  Krieg  und  die  französische  Reunionspolitik  begleitet  von
klimatischen  Einflüssen  hätten  zu  enormen  Abwanderungen  geführt.  Auf  der
verbreiteten  Vorstellung,  dass  durch  die  gemeinsame  Kolonisation  aus  allen
deutschen  Landschaften  neue  deutsche  Stämme  geschaffen  worden  seien,673 674 676  fußte
Hellwigs  zentrale  These  zur  saarländischen  Bevölkerung.  Der  „Blutzustrom  von
außen“,  „aus  allen  deutschen  Stammesgebieten  kommend“,  habe  den  saarländischdeutschen
  Menschen  geschaffen,  dessen  deutschblütige  Einheitlichkeit  sich  von  der
„aus  rund  30  Nationen  zusammengewürfelte[n]  und  dementsprechend  rassisch
zusammengesetztest]  Industriebevölkerung  des  lothringischen  Saargrubenbezirkes“
abhebe.67"  Für  Hellwig  war  die  rassische  Zusammensetzung  der  saarländischen
Bevölkerung  mitverantwortlich  für  den  Erfolg  in  der  Volksabstimmung.  Diese
beiden  Artikel  im  Volk  im  Werden  waren  die  gravierendsten  publizistischen  Fehltritte
  des  jungen  Saarhistorikers.  Hellwigs  Stellung  in  der  rheinischen  Wirtschaft
ersparte  ihm  fortan  weitere  rassenideologische  Einlassungen.
Die  neue  nationalsozialistische  Stadtverwaltung  von  Saarbrücken  betrieb  das  Projekt
des  Grenzlandinstitutes  bis  in  die  ersten  Wochen  des  Reichskommissariats  weiter.
Sie  nahm  es  in  ihr  Arbeitsbeschaffungsprogramm  auf76  und  wandte  sich  an  weitere
NS-Dienststellen,  wie  an  Johann  Wilhelm  Ludowici  beim  Beauftragten  für  das
Siedlungswesen  des  Stellvertreters  des  Führers,  der  das  Institut  in  Zusammenarbeit

673  Fritz  Hellwig,  „Von  der  Siedlungs-  zur  Bevölkerungsgeschichte“,  Volk  im  Werden,  4
(1936),  539-48,  hier  539,  546-47.
674  Aubin,  „Gemeinsam  Erstrebtes  “,  313-14.
675  Hellwig,  „Bevölkerungsgeschichte“,  541,  546,  542.
676  StdASb,  Großstadt/6004,  f.  12-13:  Stadt  Saarbrücken,  Anlage  III  zur  Verfügung  vom
5.3.1934  II  57  F.V.:  Arbeitsbeschaffungsprogramm,  Projekt  Wissenschaftliches  Institut  für
Grenzforschung.

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