Full text : Volk, Reich und Westgrenze

beschritten,  begann  verschlungen  bei  der  Kultur-  und  Volkstumspflege  in  den
abgetrennten  Gebieten,  nahm  eine  Abkürzung  über  die  völkische  Weltanschauung
und  lief  schließlich  gerade  auf  die  Angliederung  an  die  deutsche  Nation  und  den
deutschen  Staat  zu.
Schon  bei  der  Gründung  der  SFG  war  die  deutsch-französische  Grenze  Thema
gewesen.  Aubin  hatte  die  kulturelle  Betreuung  des  Saargebiets  ebenfalls  im  Hinblick
  auf  das  Deutschtum  in  der  Moselle  geplant.63"  Die  Berliner  Behörden  waren
allerdings  über  deutsche  Grenzlandforschungen  im  französischen  Gebiet  nicht
glücklich.  Die  Beteiligung  des  ELI  an  der  SFG-Gründung  und  die  Andeutung  der
SFG,  Lothringen  einbeziehen  zu  wollen,  ließen  1926  Kultusminister  Becker  aufschrecken.*
 636  Schmidt-Ott  musste  im  preußischen  Kultusministerium  seine  Gründung
  verteidigen:  Nur  um  die  Arbeitsgebiete  der  SFG  und  des  ELI  gegeneinander
abzugrenzen,  sei  Wolfram  zur  SFG-Gründung  eingeladen  worden;  Lothringen  als
solches  würde  nicht  erörtert.  Die  SFG  müsse  sich  aber  mit  Nachbarregionen
befassen,  so  Schmidt-Ott,  weil  die  Grenzen  des  Saargebietes  keine  Rücksicht  auf
natürliche  oder  historische  Verhältnisse  nähmen.  Die  SFG  hielt  sich  an  ihre  Versprechen.
  Selbst  die  lothringischen  Nennungen  im  Saar-Atlas  waren  alle  auf  das
Saargebiet  gerichtet.63  Beckers  Einwände  drücken  das  allgemeine  Dilemma  der
deutschen  Forschung  an  der  Grenze  zu  Frankreich  aus:  Die  Moselle  war  natur-,
geschichts-,  wirtschaftswissenschaftlich,  geographisch  und  volkskundlich  interessant,
  allzumal  im  Zusammenhang  mit  dem  Saarland.  Doch  die  Moselle  war  tabu,
wollte  man  Frankreich  keinen  Anstoß  geben.  Obwohl  eine  deutsche  wissenschaftliche
  Beschäftigung  mit  der  Moselle  unverfänglich  sein  sollte,  wurde  sie  von
Frankreich  grundsätzlich  eines  Angriffes  auf  die  territoriale  Integrität  der  Französischen
  Republik  verdächtigt.638 639  Die  zunehmend  politischen  Hintergedanken  der
deutschen  Forschungen  waren  wenig  geeignet,  diesen  Verdacht  auszuräumen.636
Offiziell  verzichtete  Hitler  an  der  Westgrenze  auf  Gebietsansprüche.640  Dennoch
verwischten  im  Saarabstimmungskampf  die  Grenzen,  die  Grenze  zwischen
Deutschland  und  Frankreich  und  die  Grenze  zwischen  Wissenschaft  und  Propaganda.
  Professor  Leo  Just  forderte  in  seiner  Bonner  Antrittsvorlesung  im  November

60  PAAA,  R60382:  Loesch,  Bericht  [ca.  10.12.1925],  1;  cf.  H.-C.  Herrmann,  „Grundzüge“,  219.
636  BACos,  R1601/1832:  Bongard,  Gründung  der  SFG  v.  14.11.1926,  5;  BayHStA,
MA  108204:  PrKM  an  RMdl  v.  21.12.1926,  3.
637  BayHStA,  MA  108204:  Schmidt-Ott  an  RMbG  v.  19.1.1927,  9-10.  Lothringische  Fragen
wurden  von  der  SFG  nur  einmal  in  die  ganze  Region  erfassendem  Zusammenhang  behandelt:
Eduard  Altenhofer,  Untersuchungen  zur  Dialektgeographie  der  Westpfalz  und  der  angrenzenden
  Teile  des  Kreises  Saarbrücken  und  Lothringens;  cf.  LASb,  SM  12:  Aubin,  Wissenschaftliche
  Unternehmungen  der  SFG  v.  1.10.1929-30.9.1930,  1;  Overbeck,  Sante,  „Stellung  der
Saarlande“,  bes.  18.
638  ADAP,  Ser.  B,  20:  123:  AA  an  RMdl  v.  16.4.1932.  Das  Frankfurter  ELI  wurde  von  Paris
besonders  scharf  beobachtet.
639  PAAA,  R60272,  f.  E061719:  Voranschlag  der  RFG  für  1934,  3.
64(1  Wolfanger,  „Nationalsozialistische  Politik“,  2-3.

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