Full text : Volk, Reich und Westgrenze

für  die  Zeit  nach  dem  Saarkampf  und  fanden  sie  in  der  französischen  Nachbarregion.
  Es  wurde  ein  „Grenzlandinstitut“  an  der  Saar  geplant,  das  sich  Fragen
der  südwestlichen  Randgebiete  innerhalb  und  außerhalb  der  deutschen  Staatsgrenze
  widmen  sollte.  Der  wissenschaftliche  Grenzkampf  an  der  Saar  trat  Ende
1934  in  eine  neue  Phase.  Zum  ersten  Mal  war  nicht  mehr  die  Sicherung  der  vom
Friedensvertrag  zugestandenen  Positionen,  sondern  die  Revision  der  Versailler
Territorialordnung  das  Ziel  der  kulturpolitischen  Bemühungen.  Aus  der  erfolgreichen
  Verteidigung  der  Saar  ging  man  über  zur  kulturellen  Gegenoffensive  auf
Elsass-Lothringen.  In  die  Überlegungen  wurde  das  Frankfurter  ELI  einbezogen,
das  man  an  die  Saar  zu  holen  gedachte.
Die  französischen  Ostdepartements  in  den  Saarkampf  einzubeziehen,  hatte  Methode.
  In  Anspielung  auf  Elsass-Lothringen  erinnerte  die  deutsche  Propaganda
seit  Mitte  der  1920-er  Jahre  daran,  dass  außer  den  Bewohnern  des  Rheinlandes,
der  Pfalz  und  der  Saar  weitere  Deutsche  unter  französischer  Okkupation  litten.630
Alle  vom  Deutschen  Reich  abgetrennten  Gebiete,  gleich  welchen  Status,  seien
Irredentagebiete.  1924  verband  die  Frankfurter  Saarausstellung  die  Saar-  mit  der
Elsass-Lothringen-Frage.631  Die  Karten  der  von  VDA  und  Propagandaministerium
getragenen  Saarausstellung  Ende  1934  in  Dresden  zeigten  Elsass-Lothringen  als
vorübergehend  vom  Reich  getrenntes  deutsches  Land.632  Die  Berliner  Saarausstellung
  schob  die  Sprachgrenze  bis  über  Metz  hinaus.63'  Robert  Ernst  sprach  es
1934  auf  der  Saarbrücker  Pfingsttagung  des  VDA  aus:  An  der  deutschen  Westgrenze
  gebe  es  nicht  nur  ein  Saarproblem,  denn  es  gehe  hier  „nicht  um  staatspolitische,
  sondern  um  viel  tiefer  greifende  volkspolitische  Fragen“.  Gefährdet
seien  „Seele,  Geist  und  Willen  von  Millionen  Menschen“,  die  in  den  „germanischen
  Vorlanden“,  „von  der  Schweiz  über  Elsaß-Lothringen,  Luxemburg,  Eupen-Malmedy,
  das  alt-belgische  Deutschtum,  Flandern  bis  hinauf  nach  Holland“,  dem
Einfluss  „romanischer  Denkart“  ausgeliefert  seien.  Schon  würde  „in  den  Seelen
und  Gehirnen  der  Elsässer  und  Deutschlothringer  die  angestammte  völkisch  deutsche
  Art  mit  französischem  Staatsempfinden“  überdeckt.  Ernst  rief  zur  „Erhaltung
und  Pflege  des  bodenständigen  Volkstums  deutscher  Art“  auf.634  Der  Weg,  den
Ernst,  die  Deutschtumsverbände  und  mit  ihnen  die  Volkstumswissenschaften

630  AAE,  Rive  gauche  du  Rhin  198:  M.  A.  Laffon  (frz.  Konsul  in  Köln  und  Mainz)  an  MAE  v.
14.8.1926;  cf.  AAE,  Sarre  117,  f.  258:  Morize  an  Briand  v.  6.7.1929:  Abschrift  der  Festschrift
deutscher  Saarjugend  zur  Sommersonnwend  1929  im  Warndt  zwischen  St.  Nikolaus  u.  Nassweiler;
  G.  Paul,  Deutsche  Mutter,  112-13.
631  Linsmayer,  Politische  Kultur,  324.
632  AAE,  Sarre  282,  f.  20lv:  Chevillotte  an  MAE  v.  13.11.1934.
633  AAE:  Sarre  283/2:  Francois-Poncet  an  Laval  v.  12.1.1935.  Bongard  hatte  ebenfalls  eine
Karte  benutzt,  auf  der  die  Stadt  Metz  dem  deutschen  Sprachgebiet  zugeschlagen  worden  war;
Bongard,  „Kulturleben  an  der  Saar“,  423.
634  Robert  Emst,  „Der  Volkstumskampf  im  deutschen  Westen“,  Deutsches  Land  an  Rhein,  Mosel
und  Saar,  hg.  v.  Friedrich]  C[arl]  Badendieck  in  Fühlungnahme  mit  den  zuständ.  Stellen,  insbes.
mit  dem  Oberpräsidenten  der  Rheinprovinz  [Hermann]  v[on]  Lüninck  u.  dem  Regierungspräsident
  in  Trier  [Konrad]  Saassen,  Mitarb.  [Hans]  Westhoff  (Mainz:  VDA,  1934),  23-25.

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