Full text : Volk, Reich und Westgrenze

nationale  Erhebung  an.496  Der  Verzicht  auf  nationalsozialistische  Reklame  lag
zum  einen  in  der  Tatsache  begründet,  dass  die  NS-Propaganda  im  Saargebiet  mit
erheblichen  Restriktionen  zu  rechnen  hatte,  ln  den  Personen  der  Herausgeber  lässt
sich  die  zweite  Begründung  für  diese  Zurückhaltung  finden.  Als  Nationalkonservative
  unterstützten  sie  zwar  die  Rückgliederung  des  Saargebiets  ans  Reich;
Werbung  für  die  faschistische  Partei  trug  namentlich  Grabowsky  nicht  mit.
Wie  der  Saar-Atlas  traten  Die  Grundlagen  des  Saarkampfes  als  wissenschaftliches
  Werk  auf.  Für  die  Autoren  gab  es  ihr  Forschungsobjekt  eigentlich  gar  nicht.
Overbeck  setzte  den  Namen  des  Saargebiets  in  Anführungsstriche.  Mit  den  gleichen
  Argumenten  wie  bei  seinem  Vortrag  vor  der  WFG  widerlegte  Overbeck  die
von  der  französischen  Saarliteratur  aufgestellte  Behauptung  von  der  engen  Verwandtschaft
  der  Saarlandschaft  mit  Lothringen  und  widersprach  der  französischen
Gleichsetzung  der  saarländischen  und  der  elsass-lothringischen  Situation,  weil  die
Saarlande  fest  in  das  deutsche  Staatsgebiet  eingegliedert  seien.  In  Elsass-Lothringen
hingegen  habe  sich  während  der  200  Jahre  französischen  Kultureinflusses  ein
Übergangscharakter  herausgebildet,  der  die  „Tragik  der  Grenzlandmenschen  auch
in  der  kulturellen  Zwiespältigkeit“  offenbare:  „Wir  dürfen  nach  alldem  Lothringen
und  das  Elsaß  als  wirkliches  deutsches  Grenzland  bezeichnen.“497  Und  dies  bedeutete:
  wirklich  bedrohtes  deutsches  Grenzland.  Overbecks  Artikel  war  sowohl
wissenschaftlich  von  Wert,  als  auch  geeignet,  Bürckels  Rückgliederungspropaganda
  zu  dienen,  die  den  Beitrag  in  ihrem  Presseorgan  Deutsche  Front:  Brüder  in
Not  abdruckte.
Oncken  spielte  in  den  Grundlagen  das  bekannte  Thema  vom  Westfälischen  zum
Versailler  Frieden.  Aus  jeder  seiner  Zeilen  tönte  das  vivace  seines  leidenschaftlichen
  Franzosenhasses.  Von  der  Besetzung  Saarbrückens  1673  wusste  er  zu
berichten,  dass  die  Franzosen,  als  sie  vor  dem  kaiserlichen  Heer  zurückweichen
mussten,  die  Stadt  in  Brand  setzten,  „um  nach  ihren  grausamen  Kriegsgebräuchen,
  die  bei  der  Zerstörung  der  Pfalz  ihre  Orgien  feierten,  dem  Gegner  nur  ein
Trümmerfeld  zu  hinterlassen“.  Saarländische  Vergangenheit,  Gegenwart  und
erhoffte  Zukunft  vermengend,  beschrieb  er  den  Jubel  der  Saarbrücker  über  ihre
Befreiung  durch  preußische  Truppen  im  Januar  1814:  „In  den  Kundgebungen  der
Befreier,  in  dem  Widerhall  der  Befreiten  war  alles  auf  den  einen  Ton  gestimmt:
Wiedervereinigung  mit  dem  Deutschen  Reiche.“  Doch  weder  gab  es  zum  genannten
Zeitpunkt  ein  Deutsches  Reich,  noch  bestand  das  Heilige  Römische  Reich
Deutscher  Nation  fort.  Mit  spitzer  Feder,  aber  rhetorisch  brillant  mokierte  sich
Oncken  über  die  französische  Forderung  nach  Rückgabe  der  von  Ludwig  XIV.
befestigten  Stadt  Saarlouis:  „Als  wenn  es  sich  im  Laufe  des  historischen  Hergangs

496  Franz  von  Papen,  „Vorwort“,  Die  Grundlagen  des  Saarkampfes:  Handbuch  zur  Volksabstimmung,
  Hg.  Adolf  Grabowsky,  Georg  Wilhelm  Sante,  Zeitschrift  für  Politik,  Sondernr.
(Berlin:  Heymann,  1934),  vii.
497  Overbeck,  ,„Saargebiet‘  im  deutschen  rheinischen  Raum“,  3-18,  Zitate  4.

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