Entschieden größere Aufregung verursachten die linguistischen Karten des Saar-Atlasses.47*
Febvre monierte an der Sprachkarte, dass französische mundartliche
Unterschiede aufgezeigt, deutsche Dialektdifferenzen jedoch unterschlagen würden.
Westliche Teile Belgiens und sogar Nordfrankreichs würden als „wallonischfranzösisches
Übergangsgebiet“ ausgewiesen, wohingegen das Eisass und Ostlothringen,
die man mit selbem Recht als deutsch-alemannisch-französisches
Übergangsgebiet bezeichnen könne, einheitlich als „Gebiet mit deutscher Schriftsprache“
usurpiert seien. Im Saar-Atlas sprach der belgische Osten Wallonisch,
das als eigenständige Sprache vom Französischen abgesetzt wurde.478 479 Die Niederländer
hatten ebenfalls Grund zur Klage. Die Auftaktkarte der ersten ^//as-Auflage
hatte in eine politische Karte Mittel- und Westeuropas die Grenze zwischen Frankound
Germanophonie als „deutsche Sprachgrenze“ eingezeichnet und die Niederlande
und die belgische Provinz Flandern dem deutschen Sprachgebiet einverleibt.480 * Der
niederländische Gesandte in Berlin antwortete sehr unfreundlich auf Schmidt-Otts
Zusendung eines Saar-Atlasses „und zwar in holländischer Sprache, um Herrn
Schmidt-Ott den Unterschied zwischen holländisch und deutsch zum Bewußtsein zu
bringen“. Dem Auswärtigen Amt war der Vorgang peinlich; es wies den Verlag an,
in der zweiten Auflage auf diese Vorsatzkarte zu verzichten.4X1 Unwillen riefen
ebenso die historisch-politischen Karten Niessens hervor. Capot-Rey beanstandete,
dass, um die Bindungen der Saarlande ans Reich zu betonen, die Zugehörigkeit von
Gebieten wie Schaumburg zum Herzogtum Lothringen und zum Königreich Frankreich
unterschlagen worden sei.482 * Febvre sträubten sich die Haare, weil der Atlas
von der ersten zur zweiten historischen Karte einen Sprung von 600 Jahren machte.484
Mehr noch als andere zeitgenössische historische Atlaswerke zielte der Saar-Atlas
über das wissenschaftliche Fachpublikum hinaus. Daher fand seine Erstauflage im
März 1934 reißenden Absatz. Noch im selben Monat waren alle Exemplare
vergriffen und eine zweite Auflage erschien im Juli 1934.484 Selbstverständlich
478 Saar-Atlas, 2. Aufl., Tfl. 1.
479 Febvre, „Cartographie régionale allemande“, 140.
480 Saar-Atlas, [1. Aufl.] hg. u. bearb. i. A. d. Saar-Forschungsgemeinschaft v. Hermann Overbeck,
Georg Wilhelm Sante, in Verb. m. Hermann Aubin, Otto Maull, Franz Steinbach (Gotha:
Perthes, 1934), gegenüber dem Titelblatt.
4X1 PAAA, R75452: Bülow an AA Abt. Il u. VI v. 8.5.1934; „La Hollande: Territoire linguistique
allemand!“ Gazette de Hollande (11.5.1934); [Johan Paul Graaf van] Limburg-Stirum
(niederländ. Gesandter) an AA v. 31.5.1934; cf. Bringmann, Handbuch der Diplomatie, 277.
x~ Capot-Rey, Région industrielle sarroise, 601.
48' Febvre, „Cartographie régionale allemande“, 141.
4X4 LASb, SM 44: Rundschreiben Overbecks [an d. Mitglieder d. SFG] v. 23.3.1934. Linsmayer,
Politische Kultur, 362 folgte einem Tätigkeitsbericht Santés (HessHStA, 1150/65) und
schrieb der Erstauflage 10 000 Stück zu. Die Erstauflage einer wissenschaftlichen Publikation
in solcher Höhe war (und ist) für jeden Verlag ein Vabanquespiel, eine fünfstellige Erstauflage
eines teuren Kartenwerkes verlegerischer Selbstmord. Selbst populäre historische Belletristik
kam zu jener Zeit mit nicht mehr als durchschnittlich 6000 Stück auf den Markt; cf. Gideon
Reuveni, „Geschichtsdiskurs und Krisenbewußtsein: Deutsche Historiographie nach dem
Ersten Weltkrieg“, Übs. Matthias Schmidt, Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, 25
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