Full text : Volk, Reich und Westgrenze

Exkursionen  nicht  in  Frankreich,  sondern  „im  französischen  Gebiet“46  durchführte.
Dass  der  deutschsprachige  Teil  der  Moselle  inhaltlich  jedoch  zu  Deutschland
gehöre,  belege  die  Sprache  als  Ausdruck  der  kulturellen  Zugehörigkeit  eines
Grenzsaumes.  Neben  das  sprachliche  trete  ein  anderes,  für  die  staatliche  Zugehörigkeit
  entscheidendes  Element:  die  innere  seelische  Anteilnahme  an  einer  Kultur,  und
eben  diese  sei  für  weite  Teile  der  Moselle  deutsch,  was  schon  Pincks  deutsche
Volksliedsammlung  beweise.467 468  Martin  zog  eine  gerade  Linie  von  der  deutschen
Kultur  in  der  Moselle  zur  deutschen  Staatszugehörigkeit.  Der  Zweite  Weltkrieg
ermöglichte  es  ihm,  seine  Auffassungen  vom  deutschen  Volks-  und  Kulturboden
Lothringens  vor  Ort  zu  propagieren;  in  der  Annexion  der  Moselle  wurde  Martin
Oberschuldirektor  in  Sierck  (Sierck-les-Bains).469
Die  Darstellungen  des  Saar-Atlasses,  auf  die  es  den  Herausgebern  besonders  ankam,
  waren  die  historisch-politischen  Karten.  Die  erste  Tafel  hob  auf  den  Widerspruch
  zwischen  der  Staats-  und  der  Sprachgrenze  im  Westen  ab  und  stellte  zwei
Karten  paradigmatisch  gegenüber:  eine  Karte  des  Saargebietes  an  der  Peripherie
des  deutschen  Staatsterritoriums  und  eine  Karte  seiner  Lage  klar  innerhalb  des
deutschen  Sprachgebietes  weit  östlich  der  Sprachgrenze.470  Zentral  waren  die  von
Niessen  und  dem  IGL  konzipierten  Karten  der  Tafel  7  zur  „Geschichtlichen
Stellung  der  Saarlande“.  Die  Entwicklung  an  der  Westgrenze  des  Reiches  überblickend
  streckte  ein  Spektrum  von  neun  Karten  den  französischen  Rheindrang
auf  die  Länge  eines  Jahrtausends.  Die  Karte  über  die  „mittelalterliche  deutsche
Westgrenze  seit  925“  vermittelte  in  Verbindung  mit  der  folgenden  der  „französischen
  Einbrüche  bis  1552“  den  Eindruck,  dass  es  sich  bei  Cambrai,  Sedan,
Clermont,  Verdun,  Metz,  Toul  und  Beifort  um  deutsche  Städte  gehandelt  habe.
Niessens  Karten  von  der  „geschichtlichen  Stellung  der  Saarlande“  waren  wissenschaftlich
  kaum  anfechtbar  und  zugleich  Propagandadarstellungen,  die  in  dieser
Art  auch  in  den  aggressiven  Saar-Pamphleten  der  1920-er  und  1930-er  Jahre  auftauchten.
  Die  Propagandabroschüre  Frankreichs  Ziel:  Über  die  Saar  zum  Rhein
bestand  aus  historischen  Karten  wie  ebenjenen  des  Saar-Atlasses.471

467 L.  Martin,  Kulturgeographische  Untersuchungen,  5;  cf.  129:  Lebenslauf.
408  Ibid.,  115,  cf.  116,  9;  Lüsebrink,  „Grenzziehung“,  307:  hier  irrtümlich  als  Promotionsort
Heidelberg  statt  Frankfurt.
469  H.  Hiegel,  „L’enseignement“,  231.
470  Saar-Atlas,  2.  Aufl.,  Tfl.  1.
471  AAE,  Sarre  282,  f.  119-20:  François-Poncet  an  Louis  Barthou  v.  19.9.1934  :  Frankreichs
Ziel  :  Über  die  Saar  zum  Rhein  (Berlin  :  Runge  [1934]).  Cf.  die  10  Karten  vom  Jahre  925  bis
1918/19  in  PAAA,  R60314:  El  espiritu  frances  de  conquista  y  el  robo  de  provincias  cometido
por  Francia  durante  los  Ultimos  mil  ahos:  Demostrado  en  10  mapas,  ed.  Aleman-Ibero-Americana
  (Berlin  [ca.  1924]);  cf.  AAE:  Sarre  280,  f.  149-56,  166:  Sûreté  Générale  an  MAE  v.
11.1.1933:  Zusendung  der  Fotokopie  einer  deutschen  Propagandabroschüre  zur  Saarfrage  von
32  Seiten  gefolgt  von  31  Karten.

131
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.