Full text : Volk, Reich und Westgrenze

seine  Standarte  am  Morgen  des  10.  November  zu  einer  24-Stunden-Übung  in  den
Wald  abrücken,  damit  sie  nicht  am  Saarbrücker  Pogrom  teilnehmen  musste.  Mit
dem  Reitersturm  hinaus  ging  ein  Kollege  Overbecks,  der  Professor  für  Geschichte
an  der  HfL  Saarbrücken  Arno  Koselleck.  Bestimmt  erfuhr  Overbeck  in  der  HfL  von
diesem  Manöver  des  Reitersturms.  Sein  Eintritt  in  die  berittene  SA  einen  Monat
später  mag  hierauf  zurückzuführen  sein.447
Mit  Kriegsbeginn  wurde  Overbeck  eingezogen  und  in  Wiesbaden  zum  Luftwaffen-Meteorologen
  ausgebildet,  wo  er  den  pfälzischen  Geographen  Johannes  Postius
wiedertraf,448  mit  dem  er  vor  dem  Krieg  ein  Kartenwerk  des  Gaues  Saarpfalz
geplant  hatte.  Nach  der  Besetzung  Frankreichs  baute  er  als  Regierungsrat  im
nördlichen  Eisass,  in  Lothringen  und  Luxemburg  den  Klima-  und  Wetterdienst
des  Heeres  auf.449  1940  erkrankte  Overbeck  und  trug  ein  chronisches  Lungenleiden
  davon.450  Er  wurde  aus  dem  Militärdienst  entlassen  und  ging  1943  ans
Lothringische  Institut  nach  Metz.  Seit  März  1944  lehrte  Overbeck  an  der

44  Ich  danke  Herrn  Armin  Nolzen  für  die  Diskussion  zum  Problem,  aus  dem  Eintrittsdatum  in
NS-Organisationen  Rückschlüsse  auf  den  ideologischen  Hintergrund  des  Neumitgliedes  ziehen
zu  können,  und  Herrn  Prof.  Dr.  Reinhart  Koselleck  für  das  bereichernde  Gespräch  über  seinen
Vater  Arno  Koselleck,  das  er  mir  am  29.5.1999  im  Haus  von  Herrn  Prof.  Dr.  Michael  Werner
(Clamart  bei  Paris)  gewährte.  Da  der  Sozialhistoriker  Reinhart  Koselleck  meine  einzige  Quelle
zu  diesem  Sachverhalt  ist.  vertraue  ich  auf  dessen  quellenkritische  Prüfung  seiner  eigenen
Familiengeschichte.  Denn  in  keiner  lokalhistorischen  Darstellung  ist  das  Abrücken  des  SA-Reitersturmes
  dokumentiert:  Hans-Walter  Herrmann,  „Das  Schicksal  der  Juden  im  Saarland
1920  bis  1945“,  Dokumentation  zur  Geschichte  der  jüdischen  Bevölkerung  in  Rheinland-Pfalz
und  im  Saarland  von  1800  bis  1945,  Hg.  Landesarchivverwaltung  Rheinland-Pfalz  in  Verb,  mit
d.  Landesarchiv  Saarbrücken,  Veröffentlichungen  der  Landesarchivverwaltung  Rheinland-Pfalz,
  17  (Koblenz:  LA-Verw.,  1974),  6:  257-491,  hier  452,  Dok.  108;  Eva  Tigmann,  „Was
geschah  am  9.  November  1938?“  Eine  Dokumentation  über  die  Verbrechen  an  der  jüdischen
Bevölkerung  im  Saarland  im  November  1938,  Hg.  Adolf-Bender-Zentrum  St.  Wendel  e.  V.,
Veröffentlichungen  des  Adolf-Bender-Zentrums  St.  Wendel  (St.  Wendel:  Adolf-Bender-Zentr.,
1998);  Marion  Müller-Knoblauch,  Gernot  Tybl,  Der  November-Pogrom  1938  in  Saarbrücken:
Zum  Gedenken  an  die  Opfer  der  antisemitischen  Ausschreitungen  vor  50  Jahren  (Saarbrücken:
Kulturamt,  1988);  Hans-Georg  Treib,  „Jetzt  krien  die  Juden  Schläh!‘  Die  .Reichskristallnachf
1938“,  Richtig  daheim  waren  wir  nie:  Entdeckungsreisen  ins  Saarrevier  1815-1955,  Hg.
Klaus-Michael  Mallmann  [et  al.],  2.,  korr.  Aufl.  (Bonn:  Dietz,  1988),  190-95;  Albert  Marx,
„Die  Geschichte  der  Juden  an  der  Saar:  Vom  Ancien  Régime  bis  zum  Zweiten  Weltkrieg“,
Saarbrücken,  Univ.,  Diss.,  1985;  id.,  Die  Geschichte  der  Juden  an  der  Saar  vom  Anden
Régime  bis  zum  Zweiten  Weltkrieg  (Saarbrücken:  Die  Mitte,  1992),  209-11;  id.,  „Die  jüdische
Gemeinde  Saarbrücken  (1933-1945)“,  Zehn  statt  tausend  Jahre:  Die  Zeit  des  Nationalsozialismus
  an  der  Saar  (1935-1945):  Katalog  zur  Ausstellung  des  Regionalgeschichtlichen
Museums  im  Saarbrücker  Schloß,  Hg.  Regionalgeschichtliches  Museum,  2.,  korr.  Aufl.
(Saarbrücken:  Merziger  Dr.  u.  Verl.,  1988),  201-17.  Wolfgang  Benz,  „Der  Novemberpogrom
1938“,  Die  Juden  in  Deutschland  1933-1945:  Leben  unter  nationalsozialistischer  Herrschaft,
Hg.  id.,  Mitarb.  Volker  Dahm  [et  al.],  2.,  unveränd.  Aufl.  [Veröff.  d.  Inst,  für  Zeitgeschichte]
(München:  Beck,  1989),  499-544.
448  BADH,  ZA  V/182,  f.  392-93:  Ernennung  Overbecks  zum  Oberstudienrat  v.  20.12.1941;
HMP,  G/Besprechungsbelege,  Mitarbeiter:  E[mrich]  an  Wetterdienstinspektor  Postius  (Wiesbaden)
  v.  4.5.1940.
449  Hesse,  Professoren,  551-52.
450  HMP,  G/Allgemein  1941-42:  Emrich  an  Overbeck  v.  17.7.1940.

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