Seit 1928 machte Overbeck auf Exkursionen die Studierenden der sich als
„Grenzlanduniversität“ verstehenden TH Aachen mit den Problemen der deutschen
Westgrenze vertraut. Im Wintersemester 1931/32 las er über „Politische
Geographie (mit besonderer Berücksichtigung deutscher Grenzlandfragen)“.435
1933 öffnete sich für ihn die Tür zur Universität. An der Fakultät für Allgemeine
Wissenschaften der TH Aachen wurde fast die Hälfte der neun Hochschullehrer
aus politischen oder rassistischen Gründen entlassen.436 438 Einer von ihnen war der
Germanist und Dichter Privatdozent Ludwig Strauß (1892-1953). Strauß, jüdischer
Religion, wurde nach einer Denunziation durch die Aachener Studentenschaft
Ende April von Reichserziehungskommissar Bernhard Rust von seinem
Lehrauftrag für Literaturwissenschaften und von der Leitung des Deutschen
Instituts beurlaubt.43^ Da Strauß im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft hatte,
musste man ihn vom Wintersemester an wieder zur Lehre zulassen. Als die Studierenden
weiter seine Veranstaltungen boykottierten, schied er im April 1935 aus
der TH Aachen aus und emigrierte nach Palästina.43x
Die Studierenden erklärten 1933, dass gerade Strauß’ Fachgebiet nach einem
„deutschstämmigen nationalgesinnten [!] Lehrer“ verlange.439 Seine Deutschstämmigkeit
und seine nationale Gesinnung stellte Overbeck sogleich unter Beweis:
Am 1. Mai trat er der NSDAP bei, zwei Monate darauf dem NS-Lehrerbund, am 1.
November der SA.440 Anfang 1934 wurde sein Parteiengagement belohnt;
435 HAAc: Technische Hochschule Aachen: Verzeichnis der Vorlesungen und Übungen für das
Winterhalbjahr 1931/32 ([Aachen] Aachener Verl.- u. Druck.-Ges. [1931]), 23; cf. LASb, SM
37: Overbeck an Keuth v. 21.7.1928, Keuth an Overbeck v. 23.7.1928.
436 Ulrich Kalkmann, „Einführung“, Wissenschaft zwischen technischer und gesellschaftlicher
Herausforderung: Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen 1970 bis 1995,
Hg. Klaus Habetha (Aachen: Einhard, 1995), 182-85, hier 184.
437 HAAc, 508; 3102-A, 5b, f. 20.
438 Strauß leistete im Kibbuz als Waldpflanzer und im Straßenbau Aufbauarbeit und lehrte in
einem Jugenddorf Geschichte und Kunst. Das Rückkehrangebot der TH Aachen nach dem Krieg
lehnte er ab. An der Hebräischen Universität von Jerusalem bekleidete Strauß 1948-52 einen
Lehrauftrag für Allgemeine Literatur; Ulrich Kalkmann, „Die Vertreibung Aachener Hochschullehrer
durch die Nationalsozialisten“, Ms., Aachen, 1991, 19-20; Bernd Witte, „Ludwig Strauss
als Germanist“, Ms., [Aachen] 1982 (HAAc, 3102-A, 5c; ich danke dem Hochschularchiv der
RWTH Aachen für die freundliche Vorlage dieser beiden unveröffentlichten Arbeiten); Hans Otto
Horch, „Ludwig Strauß: 1892-1953“, Wissenschaft zwischen technischer und gesellschaftlicher
Herausforderung: Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen 1970 bis 1995,
Hg. Klaus Habetha (Aachen: Einhard, 1995), 257-66; Ulrich Kalkmann, „Die TH Aachen unter
dem Nationalsozialismus“, Vertuschte Vergangenheit: Der Fall Schwerte und die NS-Vergangenheit
der deutschen Hochschulen, Hg. Helmut König, Wolfgang Kuhlmann, Klaus Schwabe
(München: Beck, 1997), 146-61; Werner Kraft, „Ludwig Strauß (1892-1953)“, Rheinische
Lebensbilder, Hg. Bernhard Poll i. A. der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde (Köln:
Rheinland-Verl., 1980), 4: 273-99; Kurt Düwell, „Die RWTH unter dem Nationalsozialismus“,
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen /870/1970, Hg. Hans Martin
Klinkenberg, Red. Kurt Düwell (Stuttgart: Bek, 1970), 106-11.
439 Zit. nach Horch, „L. Strauß“, 261.
440 BDC, NSDAP-Mitgliederkarte Overbeck: Mg.-Nr. 2 118 354, NSLB-Mitgliederkarte Overbeck:
Mg.-Nr. 248 308; BADH, ZA V/182, f. 392-93: Ernennung zum ^Dberstudienrat v.
20.12.1941.
125