Full text : Volk, Reich und Westgrenze

In  ähnlicher  Weise  wollte  auch  Overbeck  „von  dem  Gegner  etwas“  lernen.  In  der
Auffassung  vom  Verhältnis  zwischen  Politik  und  Wissenschaft  stimmte  er  mit
Sante  überein:
„Die  Wissenschaft  soll  nicht  zur  Dienerin  der  Politik  erniedrigt  werden.  Aber  das
darf  nicht  heissen,  dass  sich  die  Wissenschaft  lebenswichtigen  Fragen  unseres
Volkes  und  Staates  gegenüber  verschliesst.  Die  Wissenschaft  kann  nicht  nur  um
ihrer  selbst  willen  bestehen,  sie  muss  sich,  ich  meine  in  unserer  heutigen  Zeit
mehr  denn  je,  dem  Leben,  in  unserem  besonderen  Beispiele  vor  allem  den  vaterländischen
  Belangen  zur  Verfügung  stellen.  Der  S[aar-]A[tlas]  will  den  Forderungen
  ernsthafter  wissenschaftlicher  Forschung  ebenso  gerecht  werden,  wie  den
nationalpolitischen  Wünschen  [...].“423
Overbeck  stellte  der  WFG  die  Intention  des  Saar-Atlasses  vor.  Im  Gegensatz  zur
französischen  Kulturpropaganda  sei  der  Saar-Atlas  „in  erster  Linie  eine  wissenschaftliche
  Veröffentlichung!“  Er  nehme  die  „Kernstellung“  unter  den  SFG-Publikationen
  ein,  indem  er  ihre  einzelnen  Forschungsergebnisse  zusammenfasse.
Der  Saar-Atlas  habe  einen  doppelten  Zweck:  Als  wissenschaftlicher  Heimatatlas
diene  er  dem  Schulunterricht  oder  werde  von  Verwaltung  und  Wirtschaft  herangezogen,
  als  Propagandamittel  erfülle  er  im  In-  und  Ausland  eine  politische  Aufgabe.
  Er  widerlege  die  Behauptung  französischer  Historiker  einer  beherrschenden
Stellung  Frankreichs  an  der  Saar,  streiche  den  deutschen  Charakter  der  Saarlande
heraus  und  zeige  die  vielfältigen  historischen,  kulturellen  und  politischen  Beziehungen
  zum  Deutschen  Reich  auf.  Der  Saar-Atlas  schaffe  die  „Widersinnigkeit“
einer  saarländischen  Autonomie  aus  der  Welt,  weil  er  den  Nachweis  erbringe,  dass
sich  das  Saargebiet  nicht  mit  den  politischen  Grenzen  der  Saarterritorien  und  den
emotionalen  Bezügen  seiner  Bevölkerung  decke.424
Der  Inhalt  des  Saar-Atlasses  wurde  der  WFG  anhand  der  historisch-politischen
Karten  erläutert.  Die  anderen  Karten,  die  keinerlei  politische  Belange  berührten  und
„nur  um  der  wissenschaftlichen  Vollständigkeit  willen“  und,  um  den  Vorwurf  der
politischen  Propaganda  zu  vermeiden,  aufgenommen  seien,  interessierten  die  Mitglieder
  der  WFG  ohnedies  nicht.  Die  politischen  Karten  sollten  die  saarländische
Zugehörigkeit  zu  Frankreich  quantitativ  und  qualitativ  diskreditieren.42"’  Zentral
seien  die  von  Niessen  im  IGL  gezeichneten  historischen  Karten,  die  den  „Wandel
der  politischen  Lage  des  Saargebietes  im  deutsch-französischen  Grenzraum“  seit
dem  10.  Jahrhundert  veranschaulichten.426  Das  Saargebiet  habe  Frankreich  seit  dem
17.  Jahrhundert  als  Brückenkopf  für  den  Vormarsch  durch  die  Kaiserslauterer

423  BayHStA,  MA  108204:  Overbeck,  „Saar-Atlas“  [10].
424  BayHStA,  MA  108204:  Overbeck,  „Saar-Atlas“  [1,2,  4],  cf.  [3,  7,  9].
425  BayHStA,  MA  108204:  Overbeck,  „Saar-Atlas“  [4],  cf.  [6].
426  Saar-Attas,  2.  Aufl.,  Tfl.  7:  „Die  geschichtliche  Stellung  der  Saarlande“.

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