lungen und in die Redaktion der Zeitschrift Unsere Saar ein. Der Wechsel Santés
nach Wiesbaden verhinderte schließlich den Abschluss seiner Forschungen.402
Andere Historiker bearbeiteten ebenfalls die moderne Geschichte der deutschfranzösischen
Beziehungen. Mit wiederholten Parallelen zum aktuellen politischen
Geschehen an der Saar schrieb Fritz Hellwig 1933 bei Professor Oncken
seine Dissertation zur Saarpolitik Napoleons III. am Vorabend des Deutsch-Französischen
Krieges, die den zeitgemäßen Titel Der Kampf um die Saar 1860/1870
trug. Hellwig wollte nicht von der Aktualität des Saarkampfes abstrahieren:
„Freilich: eine das eigene Blut verleugnende Objektivität habe ich niemals angestrebt“.40'
Die französische Politik der Gegenwart führte er als Beweis für
Onckens These von ihrer historischen Rheinpolitik an und wendete sie auf
Napoleon III. an. In Anlehnung an seinen Doktorvater stellte er fest, dass die
Außengrenzen Frankreichs natürlichem und kollektivistischem Macht- und
Expansionstrieb nur eine Richtung zur europäischen Vorherrschaft ließen: „nach
dem Osten, nach dem Rhein“. Die klassische geopolitische Begründung der französischen
Rheinpolitik erweiterte er um die Faktoren „Parteipolitik und
Volkspsyche“: „Annexionspolitik ist in Frankreich aber nicht nur ein Parteiprogramm,
sondern ein soziologisches Problem, das in der sozialen Struktur des
politischen Lebens begründet liegt.“ Hellwig griff auf das Franzosenbild der
jüngeren deutschen Sozialwissenschaft, namentlich auf die Studien von Rudolf
Meerwarth und Bernhard Groethuysen zum französischen Wirtschafts- und Gesellschaftsaufbau
zurück.404 Die Französische Revolution habe die Standesunterschiede
nivelliert, Geld und Besitz seien der Maßstab persönlichen Ansehens
geworden und der Stand „der Rentner, Kleinbürger, propriétaires“ stelle nun die
Mehrheit der französischen Nation. Unter dem „Einfluß von Hochfinanz und
Militär“ verkaufe die Staatsführung mit den ,,Schlagwörter[n] ,Sicherheit1,
,Garantien1“ ihre Machtpolitik erfolgreich an die kleinbürgerlichen Massen: „Der
Franzose als Sicherheitsfanatiker, vom Wirtschaftsleben in die große Politik
übersetzt, ist der Träger des Programmes, das die ungeheuren französischen
Grenzbefestigungen, die übernormalen Heere und Rüstungen, und, gleichfalls zu
„Sicherheitszwecken“, die Rheinannexion enthält.“ Damit war das nationale Ziel
der wissenschaftlichen Arbeit erreicht: Frankreich werde immer zum Rhein
streben und Deutschlands Politik immer legitim, weil defensiv sein.405
411 BABL, R8037/1: Aubin, Wissenschaftliche Unternehmungen der SFG 1.10.1934-30.9.1935
v. 31.12.1935, 1, cf. 2; HessHStA, 1150/63: Sante an Emrich v. 14.3.1935, 2.
403 Hellwig, Kampf, xi.
404 Klemperer, „Frankreichbild II“, 87, 93; Bernhard Groethuysen, „Die französische Gesellschaft“,
Handbuch der Frankreichkunde, T. 2, Hg. Paul Hartig, Wilhelm Schellberg, Handbücher
der Auslandskunde, 4 (Frankfurt, M.: Diesterweg, 1930), 100-36; Rudolf Meerwarth,
„Die französische Volkswirtschaft“, ibid., 15-72.
405 Hellwig, Kampf, ix-xi, 4-5, 14-16, 22, Zitate 16, 4-5, 5.
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