Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Neunkircher  Kokerei.  Zwischen  1936  und  1939  leitete  eine  breit  angelegte
  Verkaufsaktion  von  Gasgeräten  eine  vorübergehende  Aufwärtsentwicklung
  ein,  doch  konnten  solche  Werbemaßnahmen  die  strukturellen
  Versorgungsmängel  (schlechte  Gasqualität,  überhöhter  Personalbestand)
  nicht  beheben.  Die  Umstellung  auf  Kokereigas  sollte  den  Betrieb
  wieder  in  die  schwarzen  Zahlen  bringen.  Im  Mai  1939  stellte  das
Gaswerk  die  Eigenerzeugung  ein,  das  Kokereigas  lieferte  die  GBG.3(W)
Im  Gegensatz  zu  Illingen  wollte  Wiebelskirchen  die  Eigenerzeugung  aufrecht
  erhalten.  Der  Bürgermeister  meldete  im  Januar  1938  der  Reichsgruppe
  Energiewirtschaft,  dass  ein  Retortenofen  dringend  erneuert
werden  müsste.  Der  Leiter  der  Reichsgruppe  untersagte  jedoch  die
Genehmigung  und  forderte  die  Gemeinde  auf,  vollständig  zur  Ferngasversorgung
  überzugehen;  Wiebelskirchen  bezog  bereits  Kokereigas  für
den  Spitzenbedarf.300 301 302  Angesichts  dieser  Vorgaben  musste  die  Gemeinde
Ende  März  1938  die  Eigenerzeugung  einstellen.
Etwas  anders  lag  der  Fall  in  Neunkirchen.  Auch  hier  musste  ein  Vertikalkammerofen
  "wegen  betriebsunfähigkeit"  Anfang  1940  außer  Betrieb
genommen  werden.  Der  GBEn  lehnte  jedoch  im  Januar  1940  einen
Antrag  auf  Verlegung  einer  1.200  Meter  langen  Verbindungsleitung  zur
benachbarten  Kokerei  des  Neunkircher  Eisenwerks  wegen  fehlender
Eisenkontingente  ab.  Erst  das  Reichswirtschaftsministerium  gab
schließlich  einer  Intervention  der  Reichsgruppe  Energiewirtschaft  zum
Leitungsbau  statt:  "Infolge  seiner  benachbarten  I^age  zu  der  Kokerei  der  Neunkircher
  Eisenwerke  ist  es  für  die  künftige  Entwicklung  der  ganzen  Gasversorgungsverhältnisse
  der  Stadt  Neunkirchen  nicht  geraten,  Investierungen  \ur  Instandsetzung
der  stark  heruntergewirtschafteten  Ofen  vorzunehmen.  Für  die  Verarbeitung  der
Nebenerzeugnisse  steht  weder  eine  Verarbeitungsmöglichkeit  für  das  Ammoniakwasser
  zir  Verfügung  noch  findet  eine  Benz0lauswaschung  statt.  Ich  halte  es
deshalb  für  richtig  wenn  die  Stadtwerke  Neunkirchen  ihre  Eigenerzeugung  stillegen
und  bitte  der  angezeigten  Stillegung  des  Gaswerks  zuzustimmen''.302  Schließlich
befürwortete  der  Leiter  der  Reichsgruppe  am  31.  Mai  1940  die  Aufgabe
der  Ofenanlage  und  die  Errichtung  einer  Übergabestation.
Ein  weiteres  prägendes  Element  der  Gaswirtschaft  der  NS-Zeit,  das
auch  das  Saarland  anging,  betraf  den  Ausbau  der  Kokereikapazitäten.

300  Saarbrücker  Ztg.  vom  26.3.1934:  Stillegung  des  Gaswerks  Illingen;  80  Jahre  Gaswerk
  Illingen  (1991);  Bermann  (1987),  S.  50
301  BA  Koblenz:  R  12  11/819:  Schreiben  vom  19.1.1938;  Antwortschreiben  vom
10.2.1938;  auch:  Saar-Bües-Ztg.  vom  13.8.1938
302  ßA  Koblenz:  R  4/438:  Brief  vom  22.4.1940;  lediglich  die  Gemeinde  Spiesen  ging
im  Juli  1940  freiwillig  zur  Kokereigasversorgung  über;  BA  Koblenz:  R  12  11/531:
Briefwechsel  vom  4.6.1937,  7.7.1937  und  22.7.1937

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